Pflege

Darf ich mir Pausen erlauben? Schuld und Sühne in der Pflege

Archivartikel

Besonders, wenn man noch arbeitet und gleichzeitig jemanden pflegt, ist jede Minute kostbar. Ganz hart trifft es sogenannte ‚Sandwichmütter‘ (und auch Sandwichväter), die noch zusätzlich die eigene Familie ‚organisieren‘ müssen. Doch nicht so sehr das Organisatorische, sondern das Emotionale ist das unterm Strich das Wichtige und Vordergründige für einen Pflegenden. Doch wie kann man das alles bewerkstelligen? Das Zauberwort ist: Eigenliebe! Und wie geht das?

Die Erkenntnisse einer pflegenden Angehörigen - Frau G. erläutert ihre Sicht der Dinge

Es ist unsagbar schwer, wenn man pflegt, abzuschalten. Fast ein Ding der Unmöglichkeit! Und wenn man dann noch so vieles anderes auf dem Plan hat, dann wird’s wirklich herausfordernd! Doch es stimmt, dass immer wieder gesagt wird, man sollte seinen eigenen Akku immer wieder aufladen. Wenn Sie selbst nicht ausgeruht sind, dann können Sie nicht mehr für andere da sein. Sie laden ja auch immer wieder ihr Smartphone auf, so dass Sie verfügbar für andere sind, oder?

Sport und Bewegung

Sie können NICHT für andere da sein, wenn Sie es nicht für sich selbst sind. Ein gesundes Maß an Eigenliebe und Egoismus ist nicht nur erwünscht, sondern unabdingbar. Dies gilt z.B., wenn die Pflege körperlich sehr anstrengend ist. Dann könnten die Auszeiten vielleicht auch mit dem Besuch eines Schwimmbads verbunden werden oder mit regelmäßigen Besuchen des Fitnessstudios. Der Vorteil: Sie tun etwas für Ihre körperliche Fitness und ihre Muskulatur, die Sie besonders dann benötigen, wenn Sie bei der Pflege verstärkt körperlichen Einsatz leisten müssen (Rollstuhl oder Rollator herumheben, den Kranken heben etc.). Ihr eigener Körper sollte dem Ganzen gewachsen sein. Außerdem kann man normalerweise bei sportlichen Betätigungen am besten abschalten und man trifft auf ganz andere Menschen! Im Fitnessstudio gibt es normalerweise auch unterschiedliche Kursangebote, oft verbunden mit Musik, die eine Bandbreite an Emotionen ansprechen. Sie glauben gar nicht, wie man seine ganzen Gefühle beim Zumbatanz rauslassen kann!

Aber auch, wenn Sie allein sein möchten, ist z.B. eine Radtour oder ein längerer Spaziergang unabdingbar. Versuchen Sie der Versuchung zu widerstehen, sich nur auf der Couch zu lümmeln oder zu schlafen. Natürlich brauchen Sie auch Ihren Schlaf, aber oft wird eine emotional herausfordernde Situation dann eher in unruhigen Träumen verarbeitet, was nicht gerade zu einem ausgeruhten Zustand führt. Wenn man sich bewegt oder sich mit etwas Positiven beschäftigt, ändert sich zwar nicht die Situation, aber Sie sind wenigsten mal eine gewisse Zeit abgelenkt und können mal wieder so richtig auftanken. Auch sorgt das für einen geregelten Schlaf. Einige brauchen eher die Künste und etwas Schönes zur Erholung, wie z.B. ist ein Museumsbesuch eine Wellnessbehandlung oder ein schönes Konzert.    

Wenn die Seele leidet

Doch die seelische Belastung steht der körperlichen in nichts nach. D.h. vielleicht müssen Sie sich um jemanden kümmern, der sehr emotional und für Sie anstrengend ist oder ein Elternteil, mit dem Sie in der Kindheit so Ihre Probleme hatten oder durch den Sie sogar Misshandlung erfahren haben. Gerade dann ist es wichtig zu lernen, wie man sich emotional abgrenzen kann und Akkus wieder auflädt. Es gibt gute Autosuggestionsmethoden oder verschiedene Meditationsarten, die helfen können, die eigene Mitte beizubehalten oder wieder zu finden. Was solche Pflegesituationen aber auch zur Heilung der eigenen geschundenen Seele beitragen können werde ich ausführlicher in einem anderen Beitrag beschreiben. Wenn es Ihnen emotional jedoch unerträglich scheint, könnte eine Gesprächstherapie hilfreich sein oder der Besuch einer Selbsthilfegruppe. Nehmen Sie die Pflegesituation auch zum Anlass, sich Ihren eigenen Dämonen zu stellen und Vergangenes zu verarbeiten oder Frieden zu schließen.

 

Es klingelte…

Das Schlimmste war für mich persönlich, das Klingeln des Telefons. Jedes Mal zuckte ich zusammen, wenn die Pflegerin bzw. das Pflegeheim anrief. Das war auch dann der Fall, als es mit meiner Mutter zu Ende ging. Es geht ein Adrenalinstoß durch den Körper und alles Mögliche durch den Kopf. Selbst noch über ein Jahr nach ihrem Tod war das Klingeln Auslöser für so manche kleine Panik. Viele Menschen, die in dieser Situation sind, empfinden ähnlich. Ich hatte einen speziellen Klingelton eingerichtet, so dass die anderen ‚normalen‘ Telefonate wenigstens keine negativen Gefühle bei mir hervorriefen. Schon alleine das war eine Hilfe.  

Was sagen denn die anderen, wenn ich mich ausruhe?

Die anderen sollten Ihnen in diesem Fall herzlichst egal sein, denn die Anderen leisten nicht das, was Sie leisten. Außerdem sollten Sie sich niemals mit anderen Menschen vergleichen, egal in welcher Situation. Sie sind wie Sie sind. Sie sind einzigartig und nur Sie wissen, was Sie brauchen und was Ihnen guttut. Lassen Sie sich auf von anderen Pflegenden kein schlechtes Gewissen einreden. Wenn Andere sich keine Auszeiten nehmen heißt es noch lange nicht, dass Sie sich keine gönnen sollen. Manchmal spricht daraus nur der Neid, dass sie sich auch gerne Auszeiten gönnen würden, aber es nicht in die Tat umsetzen.

Nur ich weiß, was meine Frau braucht!

Das Schlimmste ist jedoch für mich, wenn ich mitbekomme, dass pflegende Menschen sich ganz der Situation hingeben und sich selbst für unersetzbar halten. In diese Situation haben sich die meisten oft selbst hineinmanövriert. In solchen Situationen spielen oft ganz seltsame Familien- oder Beziehungskonstellationen mit hinein, die für Außenstehende oft nicht sichtbar sind. Vielleicht hat der Partner ein schlechtes Gewissen oder fühlt eine gewisse Verpflichtung gegenüber dem Anderen. Es gibt aber auch Beziehungen, in denen Macht oder gar Rache für vergangenes Fehlverhalten oder ausgeübt wird. Es gibt unzählige Erklärungen, aber die muss man erst mal finden…

Träumen Sie nicht von Auszeiten – nehmen Sie sich welche….

Egal was Sie machen oder lieben: Tun Sie es! Tun Sie es allein oder mit jemandem zusammen. Finden Sie keine Ausreden, denn darin sind pflegende Menschen oft Weltmeister. Alles kann organisiert werden. Stellen Sie Ihre Bedürfnisse nicht hintenan. Sie sind genauso viel wert, wie andere Angehörige, die vielleicht vorschieben, dass sie ja noch arbeiten gehen. Und? Sie arbeiten genauso und brauchen Ihren persönlichen Freiraum. Seien Sie stark und vor allem: Artikulieren Sie sich KLAR UND DEUTLICH! Sagen Sie nicht: „Eine Auszeit wäre nicht schlecht…“ Das geht bei den meisten Familienangehörigen rechts ins Ohr rein und links wieder raus. Sagen Sie anstelle dessen: „Ich brauche eine Pause und möchte regelmäßig einen Nachmittag für mich. Lasst uns besprechen, wie wir das am besten gemeinsam regeln und organisieren können.“ Legen Sie wenn möglich einen Zeitraum und Tag fest. Vielleicht möchten Sie einen Volkshochschulkurs zu einem bestimmten Zeitpunkt besuchen. Das ist besser, als immer verschiedene Auszeiten zu haben. Das zwingt zum einen Sie selbst dazu, diese Auszeit zu nehmen, egal was kommt und zum anderen ist es auch aus organisatorischer Sicht besser zu bewerkstelligen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie immer ein paar Momente der Erholung finden und sich dabei wieder mit positiven Emotionen stärken können.

Ihre Waltraud Gehrig