Pflege

Der Medizinische Dienst

Archivartikel

Immer wenn ich in einer Art Prüfungssituation bin, fühle ich mich in meine Schulzeit zurückversetzt und das ruft nicht immer positive Erinnerungen hervor. Das ist bei vielen anderen, die ich kenne, nicht anders. Dabei ist es egal, ob es sich um etwas Berufliches oder Privates handelt. Nehmen wir zum Beispiel die ‚Prüfsituation‘, die durch den Medizinischen Gutachterdienst der Krankenkassen erfolgt, um den Grad einer Beeinträchtigung oder Pflege festzustellen.

Die Erkenntnisse einer pflegenden Angehörigen - Frau G. erläutert ihre Sicht der Dinge

Wer steht denn überhaupt der Medizinische Dienst (MDK)?

Der medizinische Dienst der Krankenkassen (kurz auch: MDK) kommt zum Einsatz, falls eine Einstufung des Erkrankten in Pflegegrade erforderlich ist. Es kommen hierbei Mitarbeiter des MDKs zu Ihnen nach Hause, um die Pflegenotwendigkeit festzustellen. Nach dem Besuch zu Hause wird ein Gutachten erstellt, welches die Grundlage für die Einstufung in die Pflegegrade ist. 

Hier habe ich kurz die 5 Pflegegrade aufgelistet und die Bedingungen, die dafür erfüllt sein müssen:

Pflegegrad 1: Es besteht eine geringe Pflegebedürftigkeit und der Pflegebedürftige ist noch weitgehend selbständig.

Pflegegrad 2: Bei diesem Pflegegrad ist die Selbstständigkeit erheblich beeinträchtigt.

Pflegegrad 3: Eine schwere Beeinträchtigung der Selbstständigkeit liegt vor.

Pflegegrad 4: Schwerste Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit liegen vor.

Pflegegrad 5: Dies ist der höchste Pflegegrad. Dafür müssen die Betroffenen unter schwersten Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit leiden. Sie haben einen sehr hohen Pflegebedarf haben.

Aber bevor Sie überhaupt für den Angehörigen einen Pflegegrad erhalten können müssen Sie sich zunächst einmal an Ihre Pflegekasse wenden, die Ihnen dann Mitarbeiter des MDK vorbeischickt. Der ist übrigens auch in der Pflicht, Gutachten bei vermeintlichen Behandlungsfehlern, Arbeitsunfähigkeit etc. zu erstellen. Auf der Webseite des MDK ist ziemlich gut die Abfolge eines solchen Besuchs erklärt auch in verschiedenen Sprachen wie z.B. Türkisch, serbo-kroatisch, italienisch, russisch etc. Das ist sehr gut, denn nicht alle Menschen, die bei uns leben und arbeiten sprechen deutsch oder zumindest so viel, dass sie sich gut verständigen könnten. Die bürokratische Sprache ist wieder etwas ganz anderes und um einiges anspruchsvoller als die Umgangssprache.

Vorbereitung für den Besuch des MDK – Pflegetagebuch und Diagnosen

Sobald feststeht, dass der MDK benötigt wird ist es sinnvoll ein paar Punkte abzuarbeiten. Dazu gehört das Sammeln aller vorhandener Diagnosen der letzten Jahre. Sobald Sie ein relativ vollständiges Krankheitsbild vorweisen können kann die Einschätzung schneller von statten gehen. Des Weiteren ist es sinnvoll ein Pflegetagebuch zu führen. Dieses wiederum gibt Aufschluss über den Umfang der Hilfestellung, die benötigt wird, um den Kranken zu pflegen und wieviel er selbst noch tun kann. Beispiele für Pflegetagebücher können Sie jederzeit im Internet herunterlagen. Doch nicht alle sind immer übersichtlich oder einfach zu handhaben. Je nach Vorliebe des Einzelnen passt entweder das eine oder das andere. Eine sehr ausführliche Option, mit vielen Details, finden Sie auf der Webseite www.pflege.de und eine übersichtliche aber verkürzte Variante finden Sie auf https://www.daspflegeportal.de/pflegewissen/das-pflegetagebuch/ . Der Sozialverband und der VDK haben sich dem Thema ebenfalls ausführlich gewidmet.

Fast noch wichtiger: Die mentale Vorbereitung

Wie eingangs erwähnt kommt der Besuch des MDKs fast einer Prüfungssituation gleich. Besonders ältere und bereits länger pflegebedürftige Menschen oder Menschen, die an Demenz leiden, sind durch diese Situation verunsichert und selbst wenn es nicht ausgesprochen wird merken sie diese Anspannung. Entscheidend ist daher die Vorbereitung des Pflegenden.

Gut vorbereitet sind Sie, wenn Sie sich Notizen vorab machen und einen Gesprächsleitfaden erstellen. Das bedeutet es ist auch wichtig, sich eventuelle Fragen des Gegenübers zu überlegen oder die möglichen Einwände. Ich persönlich finde es wichtig, diese Gespräche mit der Beteiligung des kranken Menschen vorzubereiten. Sie oder ihn außen vor zu lassen ist nicht hilfreich und nicht fair, denn es betrifft ja den Menschen selbst. Doch viele tun dies aus übertriebener Fürsorge und sind dann überrascht, wenn das Gespräch aus dem Ruder läuft.

Es ist zudem wichtig, dass Sie sich in Ihrer Haut wohlfühlen. Ziehen Sie Kleidung an, in der Sie sich zwar nicht eingeengt fühlen, die aber auch eine gewisse Professionalität und Stärke unterstreicht. Falls Sie eine Frau sind und sich gerne zurechtmachen (Lippenstift, Makeup, Parfum etc.) tun Sie dies. Denn dann fühlen Sie sich wohl. Zudem vergessen Sie nicht das Sprichwort: Kleider machen Leute. Das ist auch in der Pflege nicht anders. Sie werden feststellen, dass Sie bei einem gepflegten Äußeren von Ihrem Gegenüber anders behandelt werden. In der Regel respektvoll und auf Augenhöhe. Das kann man gut finden oder nicht – das ist aber Realität. Auch Männer sollten darauf achten, welch einen Eindruck sie hinterlassen. Man muss keinen Anzug tragen, aber eine gute Hose und ein Hemd, gegebenenfalls eine Rasur wäre nicht überflüssig.

Ein weiterer Tipp wäre, sich vor dem geistigen Auge den Ausgang des Gesprächs sich vorzustellen. Haben Sie immer vor Augen, dass Ihre Anstrengung nicht von Erfolg gekrönt ist und der Pflegegrad nicht bewilligt wird dann kann es gut sein, dass es so kommt. Aber wenn Sie sich vorstellen, dass das Gespräch einen positiven Ausgang hat, dann wird auch dies zutreffen. Unterschätzen Sie niemals Ihre mentale Stärke. Die werden Sie noch oft als pflegender Mensch benötigen. Sie können auch positive Sätze für sich selbst formulieren, wie z.B. ‚Das Gespräch wird zu aller Zufriedenheit verlaufen‘ oder ‚Wir erhalten den Pflegegrad 3‘ u.v.m.  

Das Gespräch

Vergessen Sie nicht: Gutachter sind auch nur Menschen. Bieten Sie Getränke an, schaffen Sie eine angenehme Atmosphäre. Auch das ist für den Erfolg eines Gesprächs wichtig. In manchen Fällen kann es hilfreich sein von Beginn an einen Freund oder eine Freundin zu bitten das Gespräch mit vorzubereiten und im besten Fall auch anwesend zu sein. Eine Freundin hat mich vor Jahren gebeten bei dem Gespräch anwesend zu sein, da Sie beim ersten Mal schlechte Erfahrung mit dem Gutachter machte. Zudem haben wir es detailliert vorbereitet. Es hat ihr Stärke verliehen, sie trat selbstsicherer auf und hat klar und deutlich ihre Position vertreten. Dadurch verlief das Gespräch bei weitem besser als das vorherige und die Erhöhung der Pflegestufe wurde bewilligt. Sie können das Gespräch auch fiktiv durchspielen. Somit merken Sie an welcher Stelle oder bei welchen Fragen Sie emotional aus dem Gleichgewicht gebracht werden und können sich somit besser im Vorfeld auseinandersetzen und Gegenargumente zurechtlegen. 

Wichtig ist, dass Sie als pflegender Angehöriger Souveränität und Ruhe ausstrahlen und den Angehörigen immer zeigen, dass Sie an seiner Seite sind und seine Interessen vertreten. Das bewirkt bereits die Sitzordnung bei solch einem Gespräch. Achten Sie darauf, dass Sie neben dem Kranken sitzen. Falls es zu emotional wird und derjenige unerwartet heftig reagiert, können Sie beruhigend einwirken, indem Sie Ihre Hand auf den Arm des anderen legen oder ihn kurz umarmen. Schwierig ist auch, dass viele Menschen gerade in so einer Situation alle Kraft zusammennehmen, um nicht als krank oder hilfebedürftig dazustehen. Somit ist die Grundlage für eine Einstufung oder eine Erhöhung nicht gegeben. Aber die Gutachter sind darauf oft sehr gut trainiert und können erkennen, ob der ‚Energieschub‘ des Kranken die Regel oder eher die Ausnahme ist.

Widerspruch einlegen

Doch egal wie sehr Sie sich bemühten: Der Antrag wird abgelehnt und Sie verstehen die Welt nicht mehr. Nun gilt es, einen kühlen Kopf zu bewahren, denn als erstes müssen Sie einfach innerhalb von 4 Wochen einen formlosen Widerspruch einlegen. Darauf muss allerdings die Begründung erfolgen und dann kann es noch einmal zu einem Gutachterbesuch kommen. Auf https://www.pflege.de/pflegekasse-pflegerecht/pflegestufen/widerspruch/#widerspruch_musterbrief finden Sie Musterbriefe für solch einen Widerspruch.

Sie sehen also: Im Prinzip ist das Ganze keine große Sache, aber die Emotionen, die dabei eine Rolle spielen, machen solche Gespräche nicht gerade einfacher.

Ich wünsche Ihnen gutes Gelingen bei schwierigen Gesprächen und lassen Sie sich nicht verrückt machen.

Ihre Waltraud Gehrig