Pflege

Geteiltes Leid ist halbes Leid

Wenn die Pflege sehr belastend ist und man weder ein noch aus weiß, ist es enorm wichtig, seine Sorgen mit anderen zu teilen. Es gibt in Deutschland sehr viele Vereine für alle möglichen Themen und Bereiche. Doch besonders Selbsthilfegruppen sind sehr verbreitet in unserem Land und sind dem Engagement unzähliger Betroffener zu verdanken. Viele widmen einen enorm großen Teil ihrer persönlichen Zeit, um anderen zu helfen, die ähnliche Lebenssituationen durchleben. Doch wo finde ich solche Treffen? Was genau kann ich davon erwarten?

Die Erkenntnisse einer pflegenden Angehörigen - Frau G. erläutert ihre Sicht der Dinge

Selbsthilfegruppen stellen einen geschützten Raum dar. Als Betroffener sucht man sich eine Selbsthilfegruppe aus, die am Besten in der Nähe ist und genau das Thema hat, was denjenigen betrifft und in dem man Hilfe benötigt. In unserer Region ist eine gute Anlaufstation die Seite, auf der Anlaufstellen für Selbsthilfegruppen (https://www.sekis-bw.de/lag-kiss/) in Baden-Württemberg gelistet sind und ‚KISS e.V.‘ (https://www.selbsthilfe-rlp.de/) aus Rheinland Pfalz, die überaus aktiv sind.

Des Weiteren werden Unterstützungen auch von medizinischen Einrichtungen angeboten, wie im Falle des Universitätsklinikums Mannheim, die sehr breit im Bereich Selbsthilfegruppen aufgestellt sind (https://www.umm.de/patienten-besucher/selbsthilfegruppen/).

Es fing alle mit einem Kommunikationskurs im Bereich Demenz an

Meine Freundin hat mich auf einen Kommunikationskurs für Angehörige von Demenzkranken aufmerksam gemacht. Ehrlich gesagt, wusste ich bis zu dem Zeitpunkt gar nicht, dass es so etwas gibt. Die lokale Allianz für Menschen mit Demenz (https://www.wegweiser-demenz.de/lokale-allianzen/startseite.html) hat den Kurs in Haßloch in einem Pflegeheim organisiert. 3 Stunden pro Woche, drei Wochen lang. Es war wirklich sehr hilfreich und informativ. Vorwiegend waren natürlich mal wieder Frauen am Start, denn immer noch sind leider die meisten Pflegenden Frauen. Obwohl es wirklich spannend, informativ und hilfreich war hat es mich aber wieder einmal schockiert, dass man so wenig miteinander in unserem Land spricht. Es waren so viele schockierende Aussagen und derart viele Berührungsängste mit allem möglichen, dass ich einfach nur sprachlos war.

Für mich waren meine ‚MitstreiterInnen‘ Schwestern im Geiste

Aber neben sehr hilfreichen Tipps und einer sehr engagierten Seminarleiterin, gab es ein paar Frauen in meinem Alter, die ähnliche Herausforderungen zu meistern hatten und sozusagen ‚Schwestern im Geiste‘ waren. Wir verabredeten uns nach Beendigung des Kurses einmal pro Monat. Zunächst gab es eine ausgebildete Pflegekraft, die unsere Gruppe ‚anleitete‘. Das war sehr gut, denn es braucht am Anfang eine Moderation und Leitung in der Gruppe, um nicht nur Probleme zu thematisieren und Dampf abzulassen, sondern um zielgerichtete Lösungen anzubieten oder zu erarbeiten. Aber wir haben uns vor allem seelisch und moralisch, teilweise auch tatkräftig unterstützt. Diese monatlichen Treffen waren wie Balsam für die Seele.

In guten, wie in schlechten Zeiten

Wir sind zu fünft. Wir haben bis dato fünf Mal ‚miteinander‘ ein Elternteil verloren und es haben sich wieder ‚neue‘ Lebensherausforderungen herausgebildet. Den Tod des Schützlings, wenn es z.B. ein Elternteil ist, hinterlässt ganz unterschiedliche Gefühlslagen, die individuell geprägt und gelebt sind. Trauer hat ganz viele Gesichter und Facetten und gerade in dieser Situation ist es unheimlich tröstend Gleichgesinnte an seiner Seite zu haben mit denen man alles gemeinsam teilen aber auch einfach nur schweigen kann. Nach dem Tod des Schützlings muss man erst einmal wieder in sein eigens Leben zurückfinden. Ich wurde danach krank und musste erst einmal mich wieder um mich kümmern. Leider kamen auch noch bei einigen hinzu, dass der eigene Partner krank wurde und auch diese Pflege und Sorge wieder von Neuem bewältigt werden musste. Wir waren sozusagen ‚alte und erprobte Kampfkamerad*Innen‘. Ich war sehr froh, diese Unterstützung erhalten zu haben und noch heute zu bekommen, denn somit wusste ich immer, dass ich mich auf jemanden Verlassen kann und im Zweifelsfall aktive Hilfe bekomme.  

Aber auch das Positive, Lustige und völlig neue Perspektiven wurden miteinander geteilt. Bei einer Freundin rückte das Ehrenamt mehr ins Zentrum ihres Lebens, bei der anderen eine völlig neue Arbeitsstelle mit vielen neuen Impulsen, Eindrücken und Herausforderungen. Wir konnten offen miteinander reden, helfen unterstützen oder einfach nur da sein. Da gab es keine Diskussion. Bis heute treffen wir uns einmal im Monat. Manchmal reden wir nur über Politik oder das Weltgeschehen, oder was als Nächstes ansteht. Oder wir diskutieren Herausforderungen, die es im persönlichen Bereich zu meistern gilt.

Liebe Männer: traut Euch!

Wie schon zuvor erwähnt sind eine überwiegende Anzahl der pflegenden Menschen Frauen. Aber auch ein überwiegender Anteil der Menschen, die eine Selbsthilfegruppe aufsuchen, sind wieder einmal Frauen. Die paar Männer, die an dem Kurs teilnahmen, haben sich manchmal wie Fremdkörper gefühlt. Sie haben kaum an den Gesprächen teilgenommen, sie waren nicht ‚präsent‘. Nicht alle, aber die meisten. Ich finde, liebe Männer, ihr verpasst ganz viel. Vor allem die Möglichkeit, seinen Gefühlen in einem geschützten und meist anonymen Rahmen, Raum zu geben. Je mehr man sich von der Seele redet, desto besser geht es einem.

Pflege und Krankheit sowie der Tod gehören zum Leben dazu. Sich seinen Gefühlen stellen kann auch noch im Alter sehr positiv sein und seine eigene ‚seelische Heilung‘ anstoßen. Es gibt heute noch so viele pflegende Menschen, die der Nachkriegsgeneration angehören und vor allem die Männer haben nicht immer sehr viel Liebe zuhause erfahren, besonders, wenn der Vater im Krieg war. Vieles wurde und wird heute noch in den Familien totgeschwiegen. Dieses Thema hat auch Sabine Bode (https://www.sabine-bode-koeln.de/) in ihren Büchern zum Thema Demenz, Nachkriegsgenerationen und Sterben eindrücklich bearbeitet. Es lohnt sich, einmal reinzuschauen.  

Es gibt für alle das Passende

Meine Erfahrung ist, dass es für alle möglichen Themen und Krankheiten Selbsthilfegruppen gibt. Meistens geleitet von geschulten ehemaligen Betroffenen, die ihre Erfahrungen mit Gleichgesinnten teilen möchten, so dass alle von den bereits gemachten Erfahrungen profitieren können. Dieses Engagement kann nicht oft genug gelobt und geschätzt werden. Viele Schwierigkeiten können somit für alle Beteiligten besser gemeistert werden.

Noch ein kleiner Hinweis:

Wir haben die sehr engagierte Vertreterin der Alzheimer Gesellschaft Rheinland-Pfalz, Frau Monika Bechtel (http://www.demenz-bechtel.de/Home), als aktive Pflegenetzwerkpartnerin gewinnen können. Sie leitet verschiedene Selbsthilfegruppen zum Thema Demenz und gibt ihr Wissen an Betroffene im Raum Pfalz weiter. Auch Sie ist ein tolles Beispiel dafür, wie Erlebtes in einer neuen Form weitergegeben werden kann.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie immer die richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt treffen.

Ihre Waltraud Gehrig