Pflege

Persönliche Wertschätzung und positive Rückmeldungen – Ein Impulsgeber

Archivartikel

Gerade gestern Morgen im Frühstücksfernsehen stellte der Kabarettist Thomas Hermanns sein neues Buch vor, in dem er wohl den Versuch macht zu erklären, dass Nettigkeit uns weiterbringt als ständiges Kritisieren und Meckern. Dazu gehört für mich auch die Themen Lob und Anerkennung. Nun höre ich geradezu das Seufzen und Abwinken einiger Leser. Nicht schon wieder dieses Positivgeschwätz! Und was hat das bitte schön mit Pflege zu tun? Tja, ich finde ganz schön viel…

Die Erkenntnisse einer pflegenden Angehörigen - Frau G. erläutert ihre Sicht der Dinge

Sie haben mir sehr geholfen, dafür danke ich Ihnen recht herzlich!

Wem gehen solche Sätze nicht runter wie Öl? Wem gefällt es nicht, für seine Bemühungen Anerkennung und Lob zu erhalten? Ja, natürlich sollte Anerkennung auch über die Bezahlung ausgedrückt werden. Das steht außer Frage. Aber viele Umfragen der letzten Jahre zeigen, dass vor allem Lob, Anerkennung und Wertschätzung für getane Arbeit den größten Teil einer Arbeitnehmerbindung ausmachen. In den letzten Jahrzehnten waren wir in Deutschland geprägt von dem Spruch: “Nicht gemeckert ist genug gelobt!“. Aber ist das Lob? Und wie genau kann ich’s sagen und vor allem wann? 

Authentizität ist das ‚A‘ und ‚O‘

Grundliegende Regel für Lob und Anerkennung ist die Ehrlichkeit. Wenn Sie nicht wirklich meinen, was Sie sagen, kann der Schuss nach hinten losgehen. Die andere Person merkt schnell, ob ein Lob ernst gemeint ist, oder nur so daher gesagt. Ich habe schon viele Interviews mit Unternehmern und Führungspersonen im Fernsehen gesehen, die sich über Wertschätzung und Anerkennung der Arbeitnehmer ausließen. Ehrlich gesagt, habe ich es nur einem Bruchteil derer tatsächlich abgenommen, dass sie das, was sie sagten, auch ehrlich meinten. Ich muss ehrlich sagen, dass unsere Wortkargheit in zwischenmenschlichen Beziehungen und die Wortwahl, mich immer wieder zum Staunen bringen. Mann muss sich immer wieder bewusst machen, dass Worte eine bestimmte Energie besitzen und jeder individuell auf bestimmte Wörter reagiert, je nach individuellen Erlebnissen und Persönlichkeiten. 

Fangen wir mal beim Pflegepersonal an

Wenigstens hat sich in den letzten zwei bis drei Jahren die Meinung festgesetzt, dass gerade Pflegepersonal sehr viel leistet. Auch wissen wir, dass zu wenig in diesem Beruf bezahlt wird. Aber wann genau kann und soll man was sagen? Wie kann Wertschätzung geäußert werden? Es gibt Kranke, die können nicht über den Schatten springen. Sie sind vielleicht selbst nie gelobt worden oder haben Krankheiten, bei denen sie sich nicht mehr äußern können. Viele unserer Eltern und Großeltern sind noch in der Nachkriegsgeneration oder in Familien aufgewachsen, in denen Zuneigung und Lob verpönt waren und man dies einfach nicht gelernt hatte. Die heutigen Generationen sind in der Regel schon anders aufgewachsen, aber natürlich kann man auch hier pauschal keine Aussage treffen.

Wenn Sie also einen Menschen betreuen, der gepflegt wird und sich nicht ausdrücken kann, so übernehmen Sie doch den Part! Wenn Sie sehen, dass die Pfleger*Innen etwas ganz Besonders gut machen, sagen Sie es einfach. Und sagen Sie danke. Auch mal ein Blumenstrauß oder andere Aufmerksamkeiten (das muss nichts Großes sein, Kinokarten oder einen Geschenkgutschein) zu besonderen Anlässen kann dem Anderen ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Generell gilt aber natürlich auch: Der Pflegeberuf ist ein anstrengender Beruf und für die meisten eine Berufung. Es gibt einfach Dinge, die sind Grundbestandteil eines Berufsbilds und das weiß auch eine Pflegekraft im Vorfeld.    

Wie, ich soll meine Chefs loben?

Chef oder Chefin sein ist oftmals eine sehr einsame Angelegenheit. Man muss viele Entscheidungen treffen, die bei weitem nicht jedem Gefallen oder auch so manche Opfer fordert. Es gehört schon einiges dazu, eine verantwortungsvolle Leitungsperson zu übernehmen und mit allen Konsequenzen diese Position auszufüllen. Wenn Sie das Gefühl haben Ihre Vorgesetzten haben mal was wirklich gut gemacht, dann sagen Sie’s. Auch auf die Gefahr hin, dass Ihre Kollegen das als ‚Schleimerei‘ auffassen könnten. Das ist deren Problem. Wenn z.B. Ihre Vorgesetzten mit Ihnen gemeinsam ein Modell erarbeitet haben, das Ihnen die Pflege erleichtert oder Ihnen mehr Zeit verschafft – besonders dann sollten Sie nicht nur Anerkennung aussprechen, sondern auch immer wieder regelmäßig ein kurzes Update über die Situation mitteilen. Vielleicht haben Sie sogar eine Vorreiterposition inne und helfen damit auch anderen Kolleg*Innen.        

Ärzte, die Götter in weiß

Einen Arzt zu loben oder Wertschätzung entgegenzubringen ist auch nicht immer einfach. Besonders, wenn das Einfühlungsvermögen des Mediziners gegenüber dem Patienten offensichtlich fehlt. Doch es gibt Ärzte, die sind darin ausgesprochen gut und sie haben es verdient, von einem Patienten eine positive Rückmeldung zu erhalten. Ein relativ junger Arzt in einer Strahlenpraxis hat einmal meine Mutter noch relativ kurz vor ihrem Tod behandelt. Er hat sofort verstanden, dass meine Mutter nicht mehr viel sprechen konnte. Trotzdem hat er mir sofort gesagt, dass er bei mir nachfragen würde, sollte er meine Mutter nicht verstehen. Er fand, dass meine Mutter die Patientin sei und sie ihm schon mitteilen könne, wo genau es schmerzt. Er war einer der Wenigen, die sehr gut mit dieser Situation umgehen konnten und genau das hatte ich ihm rückgemeldet und er hat sich darüber gefreut. Aber es hat sich mir immer wieder gezeigt, dass man schon allein von der Freundlichkeit der Mitarbeiter davon ausgehen kann, wie der Arzt mit den Patienten kommuniziert.

Das machst Du aber toll!

An einem Punkt fand ich die Demenz meiner Mutter einfach nur gut: Sie hat mir jedes Mal, wenn sie mich sah, gesagt: „Habe ich Dir schon mal gesagt, dass Du das alles toll machst?“ Immer wenn, ich mal keinen so guten Tag habe, denke ich daran, wie sie neben mir im Auto sitzt und alle 5 Minuten (denn sie war ja dement) sagte, dass sie mich bewundere und ich alles so toll manage. Was kann es Schöneres und Besseres geben, als so etwas gesagt zu bekommen? Da sie mit zunehmender Demenz immer mehr das sagte, was sie tatsächlich dachte (obwohl sie das auch schon früher machte) war ich mir immer sicher, dass sie es ehrlich meinte. Danach habe ich mich einfach viel besser gefühlt und alle Strapazen der Pflege rückten in den Hintergrund.

Da hast Du aber Glück gehabt mit Deiner Mutter. Mein dementer Vater schlägt nur um sich.

Ehrlich gesagt regt mich dieser Satz wahnsinnig auf. Klar, es gibt viele an Demenz erkrankte Menschen, die auch mal um sich schlagen, schreien oder eine wilde Wortwahl haben. Aber haben Sie sich mal gefragt warum? Versetzen Sie sich mal in deren Lage: Sie wissen die Wörter nicht mehr, Sie fühlen sich auf einmal fremd, erkennen Menschen nicht mehr, die Sie ständig duzen. Auf einmal verschwindet Ihr Geld, Ihre Schlüssel und vieles mehr. Sie sind verzweifelt und wissen weder ein noch aus. Ja, da kann mal auch verzweifeln und um sich schlagen. Gerade dann ist es besonders wichtig, in einer besonderen Art mit den erkrankten Menschen zu kommunizieren. Aber dazu schreibe ich ein anderes Mal.      

Meine goldene Regel:

Ich habe mir eine goldene Regel erstellt, die ich versuche, auch zu verwirklichen: Mindestens einmal am Tag jemanden zu loben und wertzuschätzen, der etwas gut gemacht hat. Neben dem schönen Effekt, dass man einen Menschen zum Lächeln bringen kann, gibt es auch mir ein gutes Gefühl, denn ich realisiere, dass es viele liebenswürdige Menschen in meinem Umfeld gibt. Es schärft auch meine Sinne, denn ich versuche auch meinen Standpunkt zu wechseln, mit dem ich durch die ‚Welt‘ gehe und somit darauf mein Blick zu wenden, was es Gutes und Schönes um mich herum gibt. Das Negative fällt einem per se schon oft auf. Besonders versuche ich junge Menschen zu loben, wenn sie etwas gut gemacht haben, z.B. einem älteren Menschen einen Platz in der Straßenbahn angeboten oder jemandem die Tasche getragen. Engagement muss gewürdigt werden und dann wird es wieder mehr davon geben. Loben Sie sich auch ruhig mal selbst für etwas was Sie getan haben und worauf Sie ganz besonders stolz sind.

Und zu guter Letzt: Lernen Sie selbst, Lob auch anzunehmen, zu würdigen und sich darüber zu freuen. Nichts ist frustrierender, als wenn Wertschätzung vom Anderen abgetan wird oder dieser es nicht erkennt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viele gute und positive Begegnungen.

Ihre Waltraud Gehrig