Pflege

Tja, wenn Du Dir das leisten kannst!

So ein Pflegefall in der Familie ist schon schlimm genug. Mit all den inneren Dämonen zu kämpfen ist auch nicht gerade ein Zuckerschlecken. Aber wenn dann noch Menschen aus dem persönlichen wie auch beruflichen Umfeld irgendwelche Kommentare abgeben, die man so gar nicht braucht, dann ist man schnell nicht nur genervt, sondern findet sich oft im Verteidigungsmodus wieder. Wie kann man dem entgegenwirken?  

Die Erkenntnisse einer pflegenden Angehörigen - Frau G. erläutert ihre Sicht der Dinge

Als ich mich entschlossen hatte, meine Mutter zu betreuen und dafür wieder nach Deutschland zurückzukommen, war ich ganz gut im Geschäft und hatte gut verdient. Das meine Rückkehr aus dem Ausland nach Deutschland nicht einfach wird, das hatte ich schon ziemlich schnell gemerkt. Zudem war ich offiziell aus Deutschland abgemeldet und musste mich nach so vielen Jahren wieder einleben. Ich hatte wenige Aufträge, kein berufliches Netzwerk im eigenen Land und es war alles nicht gerade berauschend. Zudem hatte ich mein damaliges Leben komplett aufgegeben, in dem ich wirklich glücklich war.

Der ‚Pflege-Luxus‘

Außer meinen engen Freunden, die mich immer wieder sehr bestärkt und unterstützt haben, gab es doch so einige Unkenrufe. Wahrscheinlich hätte ich schon genug Geld beisammen, um nicht regelmäßig arbeiten zu gehen und ich wäre ja dann doch sehr flexibel als Freiberuflerin. Somit könne ich mir den ‚Luxus‘ der pflegenden Angehörigen mit geringem Einkommen ja wohl leisten. Einige meiner Kollegen meinten dann noch, sie würden das an meiner Stelle nicht tun, da man ja von den Firmen irgendwann auf eine schwarze Liste käme, weil man nicht ständig einsatzfähig sei oder flexibel genug.

Auch in der eigenen Familie stieß ich nicht gerade auf Unterstützung. Außerdem ist mein Beruf in Deutschland nicht gerade sehr weit verbreitet. Das heißt, dass viele Menschen in meinem Umfeld gar nicht so richtig nachvollziehen können, was ich eigentlich beruflich so mache. In den angelsächsischen und Benelux-Ländern sind meine Aufgabenfelder viel stärker verbreitet und demnach auch eher nachvollziehbar. Zudem gibt es immer noch bei uns das Image, dass ein Freiberufler ja mal hier und da was macht, aber nie irgendwas so richtig…

Ich kann nur eines dazu sagen: Ich habe mich bewusst für diese Pflegesituation entschieden, obwohl es mir schwer fiel. Ich liebe meinen Beruf und mir gefiel mein Leben, das ich zum damaligen Zeitpunkt führte und die Rückkehr nach Deutschland war alles andere als ein Zuckerschlecken. Das war ich meiner Mutter aus verschiedenen Gründen heraus schuldig. Dennoch – solch eine Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen. Doch gerade, wenn solch einschneidende Änderungen der Lebensrichtung vollzogen werden müssen, braucht es Unterstützung und Zuspruch, besonders von den Liebsten.

Das Selbstbewusstsein schwindet…

Ich war nie der Typ, der ein schwaches Selbstbewusstsein hatte. Ich weiß wer ich bin und was ich kann. Daher war ich doch selbst sehr erstaunt, wie mein Selbstbewusstsein nach und nach schwand und ich ständig mich selbst hinterfragte - als ob ich nicht genug anderes zu tun gehabt hätte! Aber die Selbstzweifel nagten ständig an mir und meine Haut wurde immer dünner. Gerade bei einem Selbständigen ist das Gift, denn besonders wenn man Preise verhandeln muss oder es um den Zuschlag eines Auftrags geht, muss man seinen Mann/seine Frau stehen. Der Gegenüber merkt sofort, wenn etwas nicht stimmt und somit geht die Auftragsspirale eher runter als rauf. Auch glaube ich, dass Frauen generell noch mehr Probleme mit der Situation als Männer haben. Das ist mein Eindruck. Ich kann mich aber täuschen, da Männer in der Regel eher seltener über so etwas reden, als Frauen.

Wertschätzung und Unterstützung – das wird gebraucht!

Meiner Meinung nach sollte gerade in einer Pflegesituation der pflegende Mensch bestärkt werden und Anerkennung durch seine Umwelt erfahren. Manchmal ist es nicht schlecht, seine eigentlichen Gedanken für sich zu behalten. Nicht immer braucht es die Wahrheit des anderen. Dazu gehört auch ein wenig Einfühlungsvermögen. Bisweilen reicht es, wenn der andere zuhört und signalisiert, dass man versucht sich in die Situation hineinzuversetzen. Besonders in den Kulturkreisen, in denen ich heute wieder verstärkt arbeite, in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion und in den arabischen Ländern, wurde mir immer sehr viel positive Rückmeldung gegeben. Dort ist es nicht nur eine Selbstverständlichkeit, dass Verwandte, die Hilfe oder Pflege brauchen, diese auch erfahren. Das Umfeld hilft aktiv mit, dass nicht alles an einer Person hängen bleibt. Und vor allem bekommt man regelmäßig positiven Zuspruch. Gerade das sind die Momente, die man braucht.

Worte, können bestärken oder verletzen!

Denken Sie immer daran: Worte, sind wie Waffen. Worte können Auslöser für Krieg und die Grundlage für Frieden sein. Doch Worte haben auch für jeden Menschen eine bestimmte Bedeutung. Ein Wort hat zwar eine Grundbedeutung doch je nach Situation, in der Worte benutzt werden haben sie eine unterschiedliche Bedeutung für jeden. Generell ist dies weniger wichtig für Menschen, die man nicht gut kennt. Doch je mehr ein Mensch eine Bedeutung für den anderen hat und je enger die Beziehung ist, desto mehr Gewicht haben die einzelnen Worte oder Redewendungen, die man verwendet. Doch Kommunikation besteht nicht nur aus Worten. Auch Gesten können unterstützen und Zuspruch sein. Eine einfache Umarmung kann oft soviel mehr sagen als Worte! 

Und noch eines: Vergleichen Sie sich nicht mit anderen. Nicht alles ist immer so wie es scheint. Wenn Sie pflegen, pflegen Sie bewusst. Hören Sie nicht auf die Besserwisser, sondern hören Sie auf sich. Filtern Sie ‚gutgemeinte‘ Ratschläge. Es ist in der Tat immer mal wieder was Brauchbares dabei, nicht alles ist schlecht. Aber die Entscheidung müssen Sie selbst treffen.   

Ich wünsche Ihnen ein starkes Selbstbewusstsein. Seien Sie sich im Klaren darüber was Sie leisten und warum Sie es tun. Dann werden Sie gestärkt aus der Pflegesituation hervorgehen.

Ihre Waltraud Gehrig