Pflege

Verbale und Non-verbale Kommunikation in Zeiten der Pandemie

Archivartikel

Ich glaube, ich muss mich von der Idee verabschieden, Corona in diesem Dossier nicht oder wenig zu behandeln, denn je länger die Pandemie anhält desto mehr kommen Ideen und Faktoren in Bezug auf eine Pflegesituation auf, die ich ehrlich gesagt in dieser Art und Weise (noch) nicht auf dem Schirm hatte. Irgendwie ist die Situation schon ein bisschen seltsam, oder?

Die Erkenntnisse einer pflegenden Angehörigen - Frau G. erläutert ihre Sicht der Dinge

Wir reden von Kontaktarmut oder gar Kontaktverbot und physischer Distanz. Aber genau das sind Aspekte, die schon immer in unserem Land und besonders in der Pflege im Alter auch ein Thema waren. Wie oft habe ich schon erlebt, dass die Pflegesituation so stark stressen kann, dass das ‚Menschliche‘ auf der Strecke bleibt. Man muss sich selbst dahingehend sehr stark disziplinieren. Es war nicht immer einfach für mich zu sagen, ich kümmere mich mal nicht um den Haushalt, putze weniger und verbringe mehr Zeit mit meiner Mutter. Oftmals ist leider unser Perfektionismus daran schuld, denn wir wollen, dass die Pflegeperson gut umsorgt ist, es an nichts fehlt und kommen meistens gar nicht so richtig dazu, uns um das Zwischenmenschliche und um die Seele zu kümmern. Bitte, fassen Sie das nicht als Rüge auf – wir alle sind individuell und jeder hat eigene Prioritäten. Ich beschreibe hier nur einen Großteil der Pflegesituationen und verallgemeinern kann und will ich das sowieso nicht.  

Nichts ist mehr selbstverständlich

Diese Corona-Pandemie zeigt uns in beeindruckender Weise auf, wie wichtig uns allen eine Umarmung und Körpernähe ist. In einigen Kulturen ist die körperliche Nähe generell stärker ausgeprägt und in der anderen eher weniger. Doch auch in den westlichen Kulturen, wo die physische Nähe nicht immer gang und gäbe ist oder zumindest nicht in der Öffentlichkeit, braucht man Liebe und Zuneigung und ist darauf angewiesen. Wie sehr fehlen uns plötzlich die Streicheleinheiten unserer Eltern oder Großeltern, wie sehr fehlt uns die Umarmung und das warmherzige Lächeln unsere Tante! Vielleicht ist es uns in unserem Alltagsstress nicht mehr so aufgefallen, vieles haben wir auch als selbstverständlich hingenommen, oder nicht? Meine Mutter hat sich immer riesig gefreut, wenn ich Sie umarmte oder einfach immer nur streichelte. Besonders als die Demenz zunahm und manchmal bei ihr Irritationen und emotionale Ausbrüche kamen war es wichtiger, sie in den Arm zu nehmen, als sie mit Worten zu beruhigen.

Ein Lächeln sagt mehr als tausend Worte

Ich habe auch immer versucht, etwas Lustiges zu machen und sie zum Lachen zu bringen. Übrigens, das tat auch mir gut und war nicht nur für meine Mutter wichtig. Wenn sie momentan ihre Lieben fast gar nicht um sich haben: wenn Sie die Möglichkeit haben sollten, sie wenigstens zu sehen (vielleicht über skype oder durch das Fenster), lächeln Sie! Seien Sie gut gelaunt und versuchen Sie, optimistisch zu sein! Und denken Sie daran: auch Ihnen völlig fremde Menschen freuen sich über ein Lächeln oder ein lautes und freundliches ‚Guten Morgen‘ oder ein Winken. Alles völlig im Rahmen der erlassenen Kontaktverbote und sozialer Distanz.

Bewusste Gesten unterstreichen das Gespräch

Unsere kranken Mitmenschen und Verwandten merken sehr wohl, wenn etwas nicht stimmt, wie wir schon im Gespräch mit Frau Monika Bechtel von der Alzheimer Gesellschaft RLP erfuhren. Sie sind oftmals feinfühliger und sensibler gegenüber ihrer Umwelt und besonders, wenn wir von der älteren Generation sprechen. Die umfassende Lebenserfahrung lässt unsere älteren Mitbürger besser Situationsausgänge erspüren und erfahren. Ein Großteil dieser Menschen ist zudem etwas gelassener, da sie selbst in ihrem Leben Freude und Leid erfuhren. Doch auch wir können uns etwas Gutes tun, indem wir bewusst beim Gespräch eine offene Armhaltung einnehmen, gerade stehen, ein Lächeln oder eine freundliche Mimik aufsetzen und in uns ruhen. Wenn man bewusst Gesten einsetzt kann man im Gespräch besonders die emotionale Ebene lenken. Und die Augen lachen mit! Denken Sie nicht, dass es unsinnig sei zu lächeln, wenn jetzt die Maskenpflicht kommt. Gelacht werden kann auch hinter einem Stück Stoff.

Meine Mutter hat mich in bestimmter Weise auch immer mit ihren Lebensweisheiten beruhigt, selbst noch in der Demenz. Geboren 1928 in Mannheim, geflohen mit ihrer Mutter mit nur einem Koffer durch die halbe Republik zu Verwandten nach Berlin, überlebt im Bombenhagel in den unterschiedlichsten Bunkern…

Mal ehrlich: wenn ich mir das vorstelle relativiert es so Einiges, nicht wahr?

Dennoch, jede Situation ist einzigartig und jeder Mensch hat andere Gefühle, seine eigene Geschichte und empfindet Situationen unterschiedlich. Ich wünsche Ihnen allen daher viel Kraft und Energie, um diese schwere Zeit einigermaßen gut und vor allem gesund zu überstehen.

Bis nächste Woche,

Ihre Waltraud Gehrig

www.pflegenetzwerke.de