Pflege

Die Erkenntnisse einer pflegenden Angehörigen - Frau G. erläutert ihre Sicht der Dinge

Wie alles begann…

Der Pflegefall

Mein Leben war von mir noch nie geplant worden. Das ist per se schon einmal eine gute Voraussetzung für die Pflege. Ich hatte nur immer eine ganz genaue Vorstellung was ich machen möchte, aber was dabei rauskommt, welchen Weg ich einschlagen werde – all das war von mir nie geplant worden. Ich habe mich immer etwas treiben lassen, doch stets mit einem starken Ehrgeiz verbunden, meine Ziele umzusetzen. Doch wie genau dies passieren sollte, war eher unwichtig. Ich liebe Zufälle, egal ob positiver oder negativer Natur. Sie bereichern das Leben und ich bin der Überzeugung, dass diese Situationen einem ‚zufallen‘, weil es so sein muss. Ich glaube an einen ‚Masterplan des Lebens‘, den ich aber nicht selbst erstelle. Aber es ist in meiner Verantwortung, Entscheidungen zu treffen welchen Weg ich an einer Wegkreuzung einschlage.

Einen Pflegefall, der oft plötzlich eintritt, zu meistern ist eine große Herausforderung. Wenn man dann noch ein Mensch ist, der an gewisse Strukturen gewöhnt ist und sein Leben plant oder geplant hat, den trifft es oftmals an der vollen Breitseite. Die Pflegesituation erfordert nämlich sehr viel Flexibilität, soziale und emotionale Kompetenz und ein gehöriges Maß an Organisations- und Managementfähigkeiten. All das ist nicht einfach, je nach dem welchen Beruf man ergriffen hat und welchen sozialen Hintergrund man hat. Manche Menschen sind intuitiv, manche sind sehr kopflastig. Einige sind gut organisiert, die anderen sind chaotisch. Die einen planen, die anderen machen. Andere sind ausführende Personen und wieder andere sind gut im Delegieren usw. Gott sei Dank sind wir alle verschieden, doch alle Eigenschaften sind gut einsetzbar. Vielleicht die einen besser oder die anderen weniger gut. 

Der Sturz und das Schweigen

Es begann eigentlich mit einem Sturz meines Vaters, der zu einer Beckenfraktur führte. Leider hatte er sich bei einem Krankenhausaufenthalt mit einem Krankenhauskeim infiziert und es begann eine wahre Odyssee, sowohl für ihn als auch vornehmlich für meine Mutter. Ich muss gestehen, dass ich nicht all zu viel mitbekommen habe, da ich immer noch in Moskau lebte und ständig unterwegs war. Leider muss ich aber auch sagen, wurde diesbezüglich nicht viel in unserer Familie kommuniziert. Vor allem mein Vater war Meister im nicht-reden, wenn es seinen Gesundheitszustand betraf. Ich weiß nicht, ober er es nicht wahrhaben wollte oder einfach uns alle damit nicht belasten wollte.

Meine Mutter ist jeden Tag mit dem Zug und der Straßenbahn zu ihm ins Krankenhaus gefahren und hat sich sehr um ihn gekümmert. Die beiden waren immerhin 50 Jahre mit einander verheiratet. Meine Mutter war allerdings 5 Jahre älter, als mein Vater und immer der festen Überzeugung, dass sie sowieso vor ihm stirbt – sie hat ihn dann 10 Jahre überlebt…. Als mein Vater mehr oder weniger über den Berg war, wurde Bauchspeicheldrüsenkrebs bei ihm diagnostiziert. Aber auch dann hatte ich nicht richtig realisiert, wie es genau um ihn stand. Aber im Nachhinein muss ich sagen, dass wir alle nicht richtig wussten, wie es um ihn stand. Das wollte er wohl nicht kommunizieren. Im Nachhinein fand ich das sehr schlimm, da ich keine Möglichkeit hatte, mich in irgendeiner Weise darauf einzustellen. Ich hätte wohl schon zu dem Zeitpunkt die Reißleine gezogen, und wäre gleich nach Hause zurückgekehrt. Doch die Zeit kann man nicht zurückdrehen.

Der Schock

Der Schock, als es klar war, dass er nur noch wenig Zeit hatte, war unglaublich groß. Ich war zwar in den letzten Tagen noch bei ihm, aber es wäre schön gewesen hätte ich die Zeit gehabt, um noch ein paar Dinge mit ihm zu klären. Aber gerade das werden viele von Ihnen sagen, die Angehörige bei einem Unfall verloren haben oder die durch eine Krankheit plötzlich nicht mehr ansprechbar sind. Schon Alleine deswegen plädiere ich dafür, dass man soviel wie möglich Zeit miteinander verbringen soll und alle ‚unangenehmen‘ Dinge zu Lebzeiten klären soll. Man hat sie einfach dann vom Tisch.

Wir hatten auch nie über Beerdigungen gesprochen oder wie er zu einer Obduktion gestanden hätte. Wir wurden nämlich gebeten, darüber nachzudenken, zwecks wissenschaftlicher Forschung. Damit haben wir uns wirklich sehr schwergetan. Was hätte er denn gewollt? Ist unsere Entscheidung richtig oder falsch? Ich kenne viele Menschen, die nicht über diese Dinge reden wollen. Es wird oftmals damit argumentiert, dass man ja davon nichts mehr mitkriegt, wenn man tot ist. Das stimmt wohl, aber man hinterlässt oftmals ratlose Hinterbliebene, die keine Idee haben, was sie machen sollen.

Kaum Informationen zum Thema Pflege

Wenn ich heute zurückblicke muss ich sagen, dass zu der Zeit als mein Vater starb, das Bewusstsein viel weniger ausgeprägt war als heute und das war anfangs der 2000er. Ich kann mich erinnern, dass wir nicht allzu viel wussten und auch der Hausarzt war wenig hilfreich. Das sind aber leider viele Hausärzte heute auch noch. Wo Sie heute viel mehr Informationen bekommen, erfahren Sie nächste Woche hier.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und bis bald, Ihre Waltraud Gehrig

Mehr über das Pflegeforum, Spannendes und Wissenswertes zum Thema ‚Pflege‘ und zum zweiten Mannheimer Pflegeforum, das am 24.03.2019 im Mannheimer Schloss stattfindet, erfahren Sie auf unserer Webseite www.pflegeforum-mannheim.de