Politik

Veranstaltung Thilo Sarrazin spricht beim „Neuen Hambacher Fest“ / Streit um die Deutungshoheit des historischen Ortes

1200 Teilnehmer, 120 Demonstranten

Archivartikel

Neustadt.Thilo Sarrazin, Ex-Finanzsenator der SPD in Berlin, steckte als erster Redner beim „Neuen Hambacher Fest“ gleich die Themenbreite der rechtskonservativen Versammlung oberhalb von Neustadt ab: „Linker Mainstream“, der von Flüchtlingen statt von illegalen Einwanderern spreche; Chefredakteure, die Unterzeichner der konservativen „Gemeinsamen Erklärung 2018“ nicht mehr zu Wort kommen ließen; eine Euro-Politik, die weder fundiert noch tragbar sei.

Es waren viele Themenbereiche, über die sich Max Otte, Ökonom und Veranstalter des „Festes“, mit seinen Gastrednern austauschen wollte. Nach Angaben der Initiatoren kamen rund 1200 Gäste zu der privaten Veranstaltung, für die das Hambacher Schloss komplett angemietet wurde. Verbunden waren sie alle durch einen stolz nach außen getragenen Patriotismus, den Otte in Erinnerung an das Hambacher Fest 1832 wiederaufleben lassen wollte. Bereits am frühen Samstagmorgen machten sich nach Polizeiangaben rund 500 Personen bei einer „Patriotenwanderung“ auf den Weg vom Bahnhof Neustadt auf den Berg im Stadtteil Hambach. Der Marsch verlief ruhig, größere Gegendemonstrationen gab es – von einem Gülle spritzenden Anwohner abgesehen – erst auf dem Busparkplatz unterhalb des Schlosses.

„Das lag sicherlich auch an unserem recht großen Aufgebot mit rund 1000 Beamten“, erklärte eine Polizeisprecherin. Sogar aus Niedersachsen war eine Hundertschaft in die Pfalz geschickt worden – wobei ein Teil der Polizisten später bei gleichzeitig stattfindenden Demonstrationen im nahen Kandel zum Einsatz kam.

Vereinzelt Auseinandersetzungen

Dennoch gab es einzelne Auseinandersetzungen, immer wieder mussten Teilnehmer unter Beamtenschutz einen Spießrutenlauf durch Demonstranten aus dem linken bis antifaschistischen Spektrum absolvieren.

Rund 120 Teilnehmer zählte die Polizei bei den Gegnern, wobei es bereits am Vorabend eine Mahnwache in Neustadt gegeben hatte.

„Wir wollen der Öffentlichkeit zeigen, dass Initiator Max Otte und die anderen Gäste die Geschichte missbrauchen, um sie nationalistisch umzudeuten“, so Rüdiger Stein, Vorsitzender des DGB Stadtverbandes Frankenthal und federführend beim „Regionalen Bündnis gegen Rechts“ aus Neustadt. „Das Hambacher Fest 1832 war mehr als nur eine deutsche Veranstaltung“, so Stein.

Diese Interpretation löste auf dem Schloss nur schallendes Gelächter aus. „Wir sind ganz im Geiste der Geschichte dieses Ortes freiheitlich, bürgerlich und regierungskritisch“, sagte Initiator Otte, CDU-Mitglied und bekennender AfD-Wähler. „Und wir sind zutiefst patriotisch.“ Auch wenn inzwischen immer mehr versucht werde, das Hambacher Fest in einen europäischen Kontext umzudeuten, sei es damals wie heute um ein nationales Fest für die Deutschen und eine Protestveranstaltung gegen die Obrigkeit gegangen.

Dem schlossen sich die Gastredner an, unter ihnen der libanesisch-deutsche Journalist Imad Karim, AfD-Chef Jörg Meuthen und die Publizistin Vera Lengsfeld. Sarrazin spannte den Bogen derweil von wirtschaftspolitischer Kritik an der Bundesregierung zu Problemen der Massenzuwanderung seit 2015: „Es geht um die ethnische und kulturelle Zukunft Deutschlands – da darf man sich nicht feige zurückhalten.“

Info: Fotostrecke unter morgenweb.de/politik

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