Politik

89 Beschuldigte und 186 Opfer im Bistum Speyer

Archivartikel

Speyer/Fulda. Das Bistum Speyer hat 89 Priester in seinen Akten erfasst, die des sexuellen Missbrauchs beschuldigt werden. Außerdem seien 186 Betroffene festgestellt worden, teilte das Bistum am Dienstag in Speyer mit. Darunter waren demnach 98 männliche sowie 88 weibliche Kinder und Jugendliche. In elf von 23 strafrechtlichen Verfahren sei es zu Verurteilungen gekommen. In 19 Fällen zahlte das Bistum nach eigenen Angaben insgesamt 139.000 Euro an Opfer.

Fast alle Täter seien mittlerweile gestorben, sagte Generalvikar Andreas Sturm. Er nannte den in einer wissenschaftlichen Studie im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz dokumentierten Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche "zutiefst beschämend". "Dieses Ausmaß hätte ich nie für möglich gehalten." Das System Kirche habe "massiv versagt". Nun gelte es, die Prävention auszubauen. "Wir kommen auch an der Frage nicht vorbei, Frauen stärker in der Kirche einzubinden", sagte Sturm. Auch über das Zölibat müsse "ehrlich und ohne Denkverbote" gesprochen werden.

Auch aus der Wissenschaft kommt massive Kritik. Harald Dreßing, der das Studienprojekt über Missbrauch in der deutschen katholischen Kirche geleitet hat, beklagte einen mangelnden Aufklärungswillen. Das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen als auch auch "der Umgang der Verantwortlichen damit" hätten die Forscher erschüttert, sagte Dreßing  in Fulda bei der Vorstellung der Untersuchung.

Er betonte, die Missbrauchsthematik sei keineswegs überwunden. "Das Risiko besteht fort", sagte der forensische Psychiater, der am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim arbeitet. "Unsere Studienergebnisse legen nahe, dass es in der katholischen Kirche Strukturen gab und gibt, die den sexuellen Missbrauch begünstigen können", sagte er. Gründe dafür seien beispielsweise der Missbrauch klerikaler Macht, die Verpflichtung der Priester zur Ehelosigkeit (Zölibat) sowie ein innerkirchlich "problematischer Umgang" mit dem Thema Sexualität, vor allem mit der Homosexualität.

Dreßing sagte, wenn die Kirche die Missbrauchsthematik in Zukunft wirklich überwinden wolle, müsse sie sich mit diesen Themen "ernsthaft und mit dem Mut zur Veränderung" befassen.

Die Studie ergab unter anderem, dass zwischen 1946 und 2014 mindestens 1670 katholische Kleriker 3677 Minderjährige missbraucht haben sollen. Dreßing gehört einem unabhängigen Forschungskonsortium an, das von der Deutschen Bischofskonferenz vor viereinhalb Jahren mit dem Studienprojekt beauftragt worden war.

Im Bistum Limburg sind 85 Opfer von Übergriffen im Bistum bekannt geworden. (dpa)