Politik

Soziales Der wirtschaftliche Aufschwung geht besonders an vielen Alleinstehenden vorbei

Ab 1063,75 Euro im Monat arm

Berlin/Mannheim.Die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland zeigt seit Jahren nach oben. Die Arbeitslosigkeit fällt, Staatseinnahen und private Einkommen steigen. Und doch geht dieser Aufschwung an vielen Menschen vorbei – zum Beispiel an vielen Alleinstehenden. Im Folgenden die wichtigsten Fragen und Antworten zum Armutsrisiko dieser Personengruppe.

Welche Personen fallen unter den Armutsbegriff?

In Deutschland gilt als arm, wer über weniger als 60 Prozent des Median-einkommens (oder des mittleren Einkommens) verfügt. Das ist das Einkommen, bei dem es genauso viele Menschen mit einem höheren wie mit einem niedrigeren Einkommen gibt. Das Medianeinkommen ist nicht zu verwechseln mit dem Durchschnittseinkommen, das das arithmetische Mittel einer Einkommensart bezeichnet. So steht etwa das durchschnittliche Bruttoeinkommen für die Summe aller Bruttoeinkommen geteilt durch die Anzahl der Erwerbstätigen.

Wo liegt derzeit die Grenze zur Armut?

2016 lag die Grenze laut der europäischen Statistikbehörde Eurostat in Deutschland bei 12 765 Euro jährlich (1063,75 Euro pro Monat). 2008 waren es 10 986 Euro im Jahr oder 915,50 Euro monatlich.

Wie viele alleinstehende Personen sind davon betroffen?

In Deutschland waren das 32,9 Prozent aller Alleinstehenden im Jahr 2016. Der Höchstwert wurde im Jahr zuvor mit 33,1 Prozent erreicht. Zum Vergleich: In Frankreich lag der Wert 2016 bei 14,9, im Jahr davor bei 17,2 Prozent.

Wie sieht es in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen aus?

22,2 Prozent der Einpersonenhaushalte galten in Baden-Württemberg laut Mikrozensus 2016 als armutsgefährdet. In Rheinland-Pfalz waren es 28,9 Prozent, in Hessen 26,7 Prozent. 2006 waren in Baden-Württemberg nur 18,0 Prozent der Einpersonenhaushalte armutsgefährdet. In Rheinland-Pfalz lag der Wert im selben Jahr bei 23,1 Prozent, in Hessen bei 19,6 Prozent.

Wie hat sich die Zahl der armutsgefährdeten Alleinstehenden entwickelt?

2016 lag die Zahl bei 16,430 Millionen, im Jahr davor bei 16,460 Millionen. 2007 waren es 15,216 Millionen.

Wer gerät besonders in Finanzprobleme?

Nach dem Überschuldungsreport 2017 des Instituts für Finanzdienstleistungen sind es zu 36,2 Prozent alleinlebende Männer. Dann folgen mit 24 Prozent alleinlebende Frauen, zu 23,9 Prozent sind Paare betroffen und zu 15,2 Prozent Alleinerziehende.

Wie sieht es in Mannheim aus?

Die Stadt weist im aktuellen Sozialatlas (2015) bei einer Bevölkerungszahl von 312 722 (Stand: Dezember 2015) 94 940 Einpersonenhaushalte aus. Das sind 52,9 Prozent aller Privathaushalte. Wie viele von diesen Personen unter den Armutsbegriff fallen, schlüsselt der Sozialatlas nicht auf.

Wie könnte die Armut Alleinstehender bekämpft werden?

Nach Angaben der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Linken im Bundestag, Sabine Zimmermann, die die Zahlen von Eurostat auswertete, hat Deutschland im europäischen Vergleich einen ausgeprägten Niedriglohnsektor. Sie schlägt unter anderem vor, den Mindestlohn auf zwölf Euro zu erhöhen, die Leiharbeit zu verbieten, sachgrundlose Befristungen nicht länger zu ermöglichen und die gesetzliche Rente zu stärken.

Was sieht die Koalitionsvereinbarung zu diesen Punkten vor?

Beim Mindestlohn soll ein Rahmen für Regelungen sowie für nationale Grundsicherungssysteme in den EU-Staaten entwickelt werden. Das Wort Leiharbeit kommt in dem Papier nicht vor. Bei den sachgrundlosen Befristungen dürfen Arbeitgeber mit mehr als 75 Beschäftigten nur noch maximal 2,5 Prozent der Belegschaft mit solchen Verträgen ausstatten. Sie dürfen auch nur noch über 18 (bisher 24) Monate laufen.