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Quartiere Der Freiburger Stadtteil Vauban gilt als Modell für nachhaltiges Bauen / Eine persönliche Bilanz nach 20 Jahren

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Archivartikel

Freiburg.Eine gewisse Ironie lässt sich den Gründern der Baugruppe nicht absprechen. Unter dem Namen „Ton Steine Scherben“ bewerben sie sich um einen Bauplatz im neuen Quartier Vauban. Mit den Songs der gleichnamigen Gruppe um Deutsch-Rocker Rio Reiser und seiner Liedzeile „macht kaputt, was euch kaputt macht“ haben Karl-Heinz Fesenmeier und seine Mitstreiter allerdings nichts im Sinn. Sie wollen im Gegenteil etwas ganz Neues errichten. „Wir hatten jeder eine eigene Idee von Wohnen, die wir hier gemeinsam realisieren konnten“, erzählt Fesenmeier. Sechs Reihenhäuser hat die Gruppe auf dem Kasernengelände gebaut. 20 Jahre später ist er noch genauso zufrieden wie nach dem Einzug 1999.

Um das Quartier Vauban ranken sich viele Klischees. Die drehen sich um Kletterkartoffeln, Energiesparwohnungen mit Vakuumtoilette, um radikale Autonome und Öko-Spießer mit Beamtenstatus. Das Vorzeige-Viertel, das es bis auf die Titelseite der „New York Times“ geschafft hat, ist ein Biotop für die Grünen, die hier bei Wahlen Rekorde einfahren.

Für Fesenmeier und seine Frau, die damals ihr drittes Kind erwartet, ist das unwichtig. Sie suchen für die wachsende Familie vor allem eine größere Wohnung und hören durch Zufall von dem Städtebauprojekt. „Wir kamen alle vom Land und hatten eher traditionelle Vorstellungen vom Bauen“, blickt der Redakteur zurück. Sein Haus hat keinen Keller, die Nutzräume sind ebenerdig, die Wohnfläche ist großzügig über drei Etagen verteilt mit einer Dachterrasse vor dem Schlafzimmer. Geheizt wird per Fernwärme, Autos dürfen in den Spielstraßen nicht parken. Für die Familienkutsche muss er einen Platz im Parkhaus am Rand kaufen. Als das Auto einmal über Nacht vor dem Haus steht, wird es komplett mit gelber Farbe übergossen.

„Radikale Ökos haben das Bild von Vauban geprägt“, blickt Fesenmeier zurück. Die hätten heute nicht mehr dieses Gewicht. Aber die Visionen von neuen Wohnformen sind geblieben: Häuser mit viel Gemeinschaftsflächen, leicht verschiebbaren Wänden, die sich den wandelnden Bedürfnissen ohne große Umbauten anpassen.

Idyll für Kinder

Die Erwachsenen schätzen die Lage. Man ist gleich im Grünen und auf der anderen Seite mit Straßenbahn, Rad oder Auto in 15 Minuten in der Innenstadt. Für Kinder sind die autofreien Spielstraßen und der angrenzende Bach bis heute ein Eldorado. Den ursprünglichen Plan, nach dem Auszug der Kinder eine kleinere Wohnung zu suchen, hat Fesenmeier längst aufgegeben.

Das Idyll für ihre beiden Kinder will auch Franka Kuder nicht missen. „Für Familien ist Vauban von unschätzbarem Wert“, sagt sie. Vor ein paar Jahren ist die vierköpfige Familie über Tipps an eine der begehrten Mietwohnungen gekommen. Vom ersten Tag an habe sie sich wohlgefühlt, jeder kenne jeden. Man ist Mitglied in der Genossenschaft, die den Bio-Laden betreibt. Die Kinder, fünf und sieben, gehen gerne auf den von einem Verein betriebenen Abenteuerhof mit Pferden und anderen Tieren. Eigentlich bräuchte die Familie eine größere Wohnung, sagt Kuder. Aber wie Fesenmeier will sie nicht aus Vauban wegziehen.

Die Stadt hat in den 90er Jahren einige der alten und ohnehin besetzten Kasernengebäude der autonomen Szene überlassen. Die Selbstorganisierte Unabhängige Siedlungsinitiative (SUSI) vermietet für 5,50 Euro/Quadratmeter. In den bunten Häusern und den Bauwagen davor leben 285 meist junge Menschen. Die alten Lastwagen waren früher Teil der legendären Wagenburgen, mit denen das Kasernengelände bis zur Räumung blockiert war. 2011 wird das letzte Grundstück mit großem Polizeiaufgebot geräumt, um Platz für das Green-City-Hotel zu schaffen. Dessen begrünte Fassade ist ein Erkennungszeichen von Vauban. Alle haben ihren Frieden gemacht. Die 35-jährige Kuder sagt: „Die sind anders als wir, aber das ist alles total freundschaftlich.“

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