Politik

Interview Der Mannheimer Politikwissenschaftler Marc Debus zur Bewerbung des Amtsinhabers und zu den Gefahren eines langen Wahlkampfes

„Alter ist für den Kandidaten kein Hindernis“

Mannheim.Der Mannheimer Politikwissenschaftler Marc Debus glaubt, dass Winfried Kretschmann durch seine wertkonservative Art Wähler anzieht, die sonst nicht Grün wählen würden. Ein Vorteil sei das gerade im eher konservativen Baden-Württemberg.

Herr Debus, Winfried Kretschmann hat angekündigt, dass er sich für eine dritte Amtszeit bewerben will. Hat Sie das überrascht?

Marc Debus: Nicht wirklich. Denn vor ein paar Tagen hat Cem Özdemir seine Kampfkandidatur um den Vorsitz der Grünen-Bundestagsfraktion angekündigt. Er wäre einer der wahrscheinlichen Nachfolger im Land gewesen. Und den Grünen hilft der erfahrene und noch dazu sehr beliebte Amtsinhaber.

Kretschmann wird bei der Wahl 2021 fast 73 Jahre sein. Kann das Alter ein Problem werden?

Debus: Andere Parteien können das natürlich thematisieren. Aber schauen Sie in die USA: Joe Biden, einer der aussichtsreichsten Kandidaten der Demokraten für die nächste Präsidentenwahl, wird dieses Jahr 77. Konrad Adenauer war noch älter, als er Kanzler war. Insofern ist Alter kein Hindernis.

Wie groß ist der Vorteil, den die Grünen durch den bürgerlichen Kretschmann haben?

Debus: Die Wählerschaft in Baden-Württemberg ist im Vergleich zu anderen Bundesländern eher konservativ. Kretschmann zieht da durch seine sehr bodenständige, teilweise wertkonservative Art Wähler an, die sonst nicht unbedingt auf die Idee kämen, Grün zu wählen. Aber leicht quantifizieren lässt sich das nicht.

Braucht das Land angesichts einer drohenden Krise einen Ministerpräsident mit Erfahrung?

Debus: Kretschmann hebt ja in seinem Statement heute deutlich seine Ideen für das Automobilland Baden-Württemberg hervor und kombiniert die mit ökologischen Aspekten. Ein erfahrener Politiker kann in einer solchen Situation bei den Wählern Vertrauen aufbauen. Aus Sicht der Wirtschaft ist Verlässlichkeit wichtig und das Wissen, wie eine Regierung inhaltlich ausgerichtet isst und ihr Spitzenrepräsentant tickt.

In allen Umfragen rangierten die Grünen zuletzt vor der CDU. Hätten Sie da nicht jetzt einen Jüngeren setzen sollen?

Debus: Da wäre natürlich die Frage, wer die Person wäre. Wenn Cem Özdemir nicht zur Verfügung steht, ist das Personalreservoir der Grünen nicht allzu groß. Die zweite Frage ist, was ein Wechsel in der Position des Regierungschefs für die Stabilität der Koalition bedeutet hätte. Es ist doch unklar, ob die CDU einen neuen Ministerpräsidenten mitgewählt hätte.

Die CDU geht mit Susanne Eisenmann in die Wahl. Kann sie dem Amtsinhaber als jüngere Frau gefährlich werden?

Debus: Da stehen jetzt unterschiedliche Profile zur Wahl: Nicht nur bezüglich Geschlecht und Alter, auch bei der Programmatik. Generell haben Amtsinhaber einen Vorteil. Frau Eisenmann hat ein weiteres Problem, weil sie in die Kabinettsdisziplin eingebunden ist. Da wird ein freier Wahlkampf nicht einfach.

Wem würde es mehr schaden, wenn Grüne und CDU jetzt eineinhalb Jahre Wahlkampf machen?

Debus: Es könnte für beide Parteien gefährlich werden, wenn sich bei den Bürgern der Eindruck verfestigt, dass statt zu regieren nur noch Wahlkampf betrieben wird. Das könnte sich leicht negativ auf die Wahlchancen beider Partner auswirken.

(Das Interview wurde telefonisch geführt und Marc Debus vor Veröffentlichung vorgelegt.)

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