Politik

Migration Erstmals seit der Flüchtlingskrise ist die Zahl der Schutzsuchenden in Europa wieder gestiegen

„Angelegenheit von Leben und Tod“

Brüssel/Valletta.Fast 1,4 Millionen Anträge auf internationalen Schutz wurden 2015 in Europa gestellt. Seitdem ist die Zahl kontinuierlich gesunken. Damit ist nun Schluss. 2019 ist die Zahl erstmals seit der Flüchtlingskrise wieder gestiegen. Eine Ausnahme ist allerdings Deutschland: Dort stellten 2019 deutlich weniger Menschen einen Antrag auf internationalen Schutz als im Vorjahr, wie aus einem am Donnerstag veröffentlichten Bericht der EU-Asylbehörde Easo hervorgeht. Dabei waren den Vereinten Nationen zufolge Ende 2019 weltweit so viele Menschen auf der Flucht wie nie. „Asyl kann eine Angelegenheit von Leben und Tod sein“, sagte EU-Innenkommissarin Ylva Johansson bei der Vorstellung des Jahresberichts.

In Deutschland habenungeachtet des Rückgangs zum achten Mal in Folge so viele Menschen wie in keinem anderen europäischen Land Schutz gesucht – insgesamt 165 615. Dies entspricht mehr als einem Fünftel (22 Prozent) aller Anträge. Im Vergleich zu 2018 handelt es sich jedoch um einem Rückgang um zehn Prozent. Auch der Anteil an der Gesamtsumme lag im Vorjahr höher (28 Prozent).

Europaweit – der Bericht bezieht sich auf die 27 EU-Staaten sowie auf die Schweiz, Großbritannien, Norwegen, Island und Liechtenstein – gab es einen Zuwachs um elf Prozent auf 738 425. 2015 hatte es noch fast 1,4 Millionen Anträge gegeben. Die Zahlen berücksichtigen auch Anträge von Menschen, die zuvor schon einmal Schutz gesucht hatten.

Hintergrund des Zuwachses ist Easo zufolge vor allem die gestiegene Zuwanderung aus Lateinamerika, etwa aus Venezuela oder Kolumbien. Zugleich machte Easo deutlich, dass die meisten Vertriebenen aus diesen Staaten nicht in Europa, sondern in der Region Schutz suchten. Dennoch habe es aus dem Krisenstaat Venezuela 2019 mit rund 46 000 doppelt so viele Anträge auf internationalen Schutz gegeben wie im Vorjahr. Bürger aus vielen südamerikanischen Ländern brauchen kein Visum, um in den Schengenraum zu reisen. Sie stellten ihre Anträge hauptsächlich in Spanien.

Im Gegensatz zu Deutschland seien in Staaten wie Frankreich, Spanien oder Griechenland 2019 sogar mehr Anträge auf internationalen Schutz gestellt worden als während der Flüchtlingskrise. Die Hälfte aller Anträge wurde in Deutschland, Frankreich und Spanien gestellt. „Es ist klar, dass einige Länder mehr beitragen könnten“, sagte Johansson mit Blick auf jene Staaten, in denen nur wenige Anträge gestellt wurden. In Ungarn waren es beispielsweise nur 500, in Estland 105. Die Schwedin kritisierte zudem die großen Unterschiede der nationalen Asylsysteme. So schwanke die Anerkennungsrate von Afghanen je nach europäischem Land mitunter um bis zu 65 Prozentpunkte. 

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