Politik

Lateinamerika Kolumbien bestimmt am Sonntag in einer Stichwahl zwischen Gustavo Petro und Iván Duque den neuen Staatschef

Angst vor sozialistischer Revolution

BogotÁ.Er hat sie sogar in Stein meißeln lassen: Gustavo Petro (58, Bild links), Ex-Guerillero der linken Kampfgruppe M19, präsentierte seine Wahlversprechen eingehauen in Marmor: keine verfassungsgebende Versammlung, Respekt vor den Institutionen, keine Verstaatlichungen. Kurzum: keine sozialistische Revolution nach dem Muster Venezuelas. „Ich will ein friedliches, ökologisch-nachhaltiges Kolumbien“, ruft Petro seinen Anhängern zu.

Petro, der für das Bündnis Colombia Humana („Menschliches Kolumbien“) antritt, will damit die Vorwürfe des rechten Gegenkandidaten und Favoriten Iván Duque (41, Bild rechts) vom Demokratischen Zentrum kontern.

Duques Lager, geprägt vom rechtskonservativen Ex-Präsidenten Alvaro Uribe, malt seinen Landsleuten nämlich ein Horrorszenario aus. Gewinnt Petro, so seine Prognose, verwandelt sich Kolumbien in ein zweites Venezuela. Garniert werden diese Vorwürfe mit Video-Ausschnitten, die Petro als Anhänger des 2013 verstorbenen Revolutionsführers Hugo Chávez zeigen. Für Petro ist es schwer, gegen diese eigenen Statements aus jungen Tagen anzukommen. Er verweist auf seine komplett friedliche Amtszeit als Bürgermeister von Bogotá: Er habe dort nicht ein einziges Unternehmen verstaatlicht, obwohl er die Macht dazu gehabt hätte. Ob es am Sonntag zu einer Überraschung reicht, die einem politischen Erdbeben gleichkäme, ist allerdings zweifelhaft. Duque liegt mit rund fünf bis zehn Prozent vorn – je nach Umfrage. Ein rot-grüner Sieg Petros wäre eine Sensation.

Aber auch Duque wäre ein Diktator, würde er die Wahl gewinnen, warnt Petro. Mit Duque würden Ex-Präsident Uribe und die dunklen Mächte des rechtskonservativen Lagers das Ruder übernehmen und das Land in eine ultrarechte Diktatur verwandeln. Und auch Duque muss sich gegen eine Angstkampagne wehren: „Ich werde versuchen, die Kolumbianer zu vereinen“, verspricht er möglichst staatsmännisch.

Es sind die Stunden der Angstmacherei und der Inszenierungen in diesem Wahlkampf zur Stichwahl am Sonntag. Wirkliche Debatten bleiben auf der Strecke. Derweil muss der junge Ivan Duque, der sich offensichtlich die Haare etwas gräulicher färben ließ, um erfahrener auszusehen, mit dem Spitznamen „Präsident L’Oréal“ leben.

Der Wahlkampf in Kolumbien hat auch etwas von einer Telenovela. Und es geht nur vordergründig um den Friedensprozess. Duque will den von der Regierung mit der Guerilla-Organisation Farc 2016 geschlossenen Friedensvertrag in Teilen modifizieren, bräuchte dazu aber eine deutliche Mehrheit im Parlament. Die ist jedoch unwahrscheinlich, aber das ist im Wahlkampf der Angstmacher egal. Zumindest bis Sonntag, dann hat der Wähler das letzte Wort und danach die Realität. (BILDer: dpa)