Politik

Serie "Die Krise und ich"

Apotheker Fatih Oral: "Medizinisch gesehen gibt es Schlimmeres"

Archivartikel

Mannheim.Ich erlebe den Corona-Wahnsinn jeden Tag. Seit 2010 habe ich die Apotheke in der Innenstadt, aber so unmenschlich viel zu tun hatten meine 15 Kollegen und ich noch nie. Es ist schon ein Ausnahmezustand. Den ganzen Tag über kommen Leute rein, manche täglich, und fragen vor allem nach Desinfektionsmittel und Atemschutzmasken. Wir würden wirklich gerne jedem helfen, aber bei der 400. Anfrage nach Desinfektionsmittel und der 600. nach einer Maske können wir nur noch schmunzeln und uns entschuldigen.

Die letzte Maske habe ich vor mehr als einer Woche verkauft, das letzte Desinfektionsmittel Anfang der Woche. 50 Fläschen hatte ich selbst noch gemischt – die waren innerhalb von zwei Stunden weg. Ich würde gerne mehr herstellen, aber mir fehlen die Ausgangsstoffe. Selbst die sind nicht mehr verfügbar.

Lieferengpässe bei manchen Medikamenten hat es auch vorher schon gegeben. Aber jetzt denken die Leute, dass sie vielleicht bald nichts mehr kriegen. Darum hamstern sie auch Arzneien. Und dadurch kommt die Produktion erst recht nicht mehr hinterher. Abgesehen davon, dass Produktionsstätten in China ausgefallen sind. Manche ganz banalen Wirkstoffe wie etwa Paracetamol sind im Moment kaum noch zu bekommen.

Ich hoffe nur, dass jetzt endlich alle verstanden haben, dass man sich bei Medikamenten nicht vom Ausland abhängig machen darf. Sonst hat man verloren.

In der Apotheke versuchen wir uns, so gut es geht zu schützen, indem wir mindestens einen Meter Abstand zu den Kunden halten. Wer Husten oder Fieber hat, wird am Nachtschalter bedient. Angst, mich anzustecken, habe ich nicht. Und selbst wenn: Medizinisch gesehen gibt es Schlimmeres. mig

Fatih Oral, 43, Apotheker aus Mannheim

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