Politik

Pandemie Im Nachbarland infizieren sich wieder mehr Menschen – vor allem jüngere / Landesweite strikte Beschränkungen schließt Präsident Macron aber aus

Auch in Frankreich steigt die Nervosität

Archivartikel

Paris.„Maskenpflicht“ steht auf einem Schild am Eingang eines Ladens für Kerzen in Marseille. „Für den Fall, dass Sie anderer Meinung sind“, prangen darunter die Telefonnummern des Élysée-Palastes in Paris und des Büros des Regierungschefs. Sollen sich verärgerte Kunden doch bei den wirklich Verantwortlichen beschweren, während die Geschäftstreibenden ja nur Vorschriften umsetzen.

Auch in Frankreich gibt es Gegner der Maskenpflicht, die aber mit rund 24 Prozent in der Minderheit sind. In Städten wie Marseille, Nizza oder Paris, wo sie inzwischen überall auch im Freien gilt, halten sich allerdings nicht alle daran, trotz einer angedrohten Geldbuße von 135 Euro.

Der Marseiller Medizinprofessor Didier Raoult, der regelmäßig die Regierung für angebliche Panikmache und einen zu strikten Kurs kritisiert, hat bei vielen Ikonen-Status. Das Misstrauen gegenüber der Regierung ist weit verbreitet. In einer international vergleichenden Studie bewerten die Franzosen ihre Politiker deutlich härter als viele andere Nationen. Am Wochenende kamen zu einer Demonstration gegen die Maskenpflicht in Paris allerdings lediglich 200 bis 300 Personen.

Eine große Veranstaltung wie in Berlin zu organisieren, ist im an sich demonstrationsfreudigen Frankreich derzeit wohl undenkbar. Zu beunruhigend sind die jüngsten Zahlen. Seit einigen Tagen werden täglich über 3000, einmal sogar bis zu 7300 Neuinfektionen gezählt. Besonders betroffen sind die unter 40-Jährigen, welche meist schwächere Symptome und weniger schwere Formen der Krankheit entwickeln.

Doch auch die Krankenhäuser melden vermehrte Einweisungen. Von der kritischen Situation, in der sich einige im März und April befanden, sind sie aber weit entfernt. Besonders aktiv zirkuliert das Virus in und um Paris sowie in der südfranzösischen Region Provence-Alpes-Côte d’Azur. Diese Gegenden wurden vom Robert Koch-Institut als Risikogebiete eingestuft.

Weiterer Hilfsplan für Wirtschaft

Erneut strikte landesweite Ausgangsbeschränkungen wie im Frühjahr hat Präsident Emmanuel Macron aber ausgeschlossen. „Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben“, sagte er. Die Regierung ist angesichts der steigenden Zahlen nervös, auch mit Blick auf die Wirtschaft, deren Einbruch sie in diesem Jahr auf elf Prozent schätzt. Am Donnerstag will sie einen erneuten Hilfsplan in Höhe von 100 Milliarden Euro vorstellen.

Am Dienstag begann die Schule wieder für mehr als zwölf Millionen Kinder, die ab dem Alter von elf Jahren eine Mund- und Nasenbedeckung tragen müssen. Eine ständige Maskenpflicht gilt auch in Unternehmen, während die Arbeitnehmer nach Möglichkeit im Home-Office bleiben sollen. Trotzdem sind die Metros und Vorstadtbahnen vor allem zu den Stoßzeiten wieder voll.

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