Politik

Gericht Prozess um Attentate auf „Charlie Hebdo“-Redaktion und jüdischen Supermarkt beginnt / 14 Personen wegen Unterstützung der Täter, die tot sind, angeklagt

Auftakt einer mörderischen Terrorserie

Archivartikel

Paris.Die erste Redaktionskonferenz im Jahr 2015 im Büro von „Charlie Hebdo“ beginnt wie unzählige zuvor. Bestimmendes Thema ist der neue Roman von Michel Houellebecq, „Unterdrückung“, erinnert sich Sigolène Vinson, eine frühere Anwältin, die damals eine juristische Kolumne in dem Satireblatt hat. „Es ist eine Debatte, wie es sie oft in der Redaktion gibt, das heißt, niemand ist sich einig. Bis man Schüsse hört.“

Verhandlung wird gefilmt

Zwei Männer betreten den Raum und feuern auf die Anwesenden. Die ersten Opfer fallen zu Boden. Auch Vinson stürzt, versteckt sich hinter einem Mauervorsprung. Bald setzt eine fürchterliche Stille ein. „Es ist eine Stille des Todes. Denn die Menschen sind tot und die, die es nicht sind, stellen sich so“, berichtet die 46-Jährige in einem Radio-Podcast. Veröffentlicht wurde er kurz vor Beginn des Prozesses um die Pariser Terroranschläge vom Januar 2015 am Mittwoch, in dem mögliche Helfershelfer der Attentäter angeklagt sind. Insgesamt zwölf Menschen, darunter mehrere langjährige Mitarbeiter von „Charlie Hebdo“ sowie zwei Polizisten, ermordeten die Täter, die Brüder Saïd und Chérif Kouachi; weitere elf verletzten sie teils schwer. Vinson selbst blieb verschont, weil sie, wie ihr einer der Mörder sagte, eine Frau sei – dabei starb die Kolumnistin Elsa Cayat. Er trug ihr auf, den Koran zu lesen, erinnert sich Vinson. „Wir haben den Propheten gerächt“, riefen beide laut Zeugen nach ihrer Tat.

Es handelte sich um den ersten islamistisch motivierten Anschlag in Frankreich seit 2012, der als Auftakt für eine mörderische Terrorserie in Frankreich und in Europa in den Jahren darauf galt. Am Folgetag ermordete der Terrorist Amédy Coulibaly, der mit den Kouachi-Brüdern bekannt war, in einem Pariser Vorort eine Gemeindepolizistin; einen weiteren Tag später erschoss er bei einer Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt vier Menschen, bevor die Polizei ihn tötete. Am selben Tag starben auch Saïd und Chérif Kouachi, die sich in einer Druckerei gut 40 Kilometer von Paris entfernt verschanzt hatten, bei einem Schusswechsel mit Beamten.

Die Haupttäter der Terrormorde werden daher nicht erscheinen. Der ursprüngliche Termin im Frühjahr war wegen des Coronavirus verschoben worden. Erstmals wird die Verhandlung aufgrund ihres „Interesses für die Erstellung historischer Archive der Justiz“ gefilmt. Das ist umso bedeutsamer, als die Aufnahmekapazitäten für die Zuschauer in dem Saal aufgrund der Pandemie verringert wurden. 14 Personen müssen sich gegenüber dem Vorwurf verantworten, den Mördern logistisch geholfen zu haben. In Abwesenheit angeklagt sind dabei die Ehefrau von Coulibaly, Hayat Boumeddiene, die kurz vor den Taten nach Syrien ausgereist war, ebenso wie die als Islamisten bekannte Brüder Mehdi und Mohamed Belhoucine, von denen unklar ist, ob sie noch leben. Den meisten der elf anwesenden Angeklagten wird die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen: Darauf stehen Gefängnisstrafen von bis zu 20 Jahren.

„Dass Amédy Coulibaly tot ist, heißt nicht, dass dieser Prozess keine Bedeutung hat. Ohne die Angeklagten in der Box hätte Coulibaly nicht handeln können“, sagte Patrick Klugmann, Anwalt der Opfer in dem jüdischen Lebensmittelladen. Rund 200 Menschen treten als Zivilkläger auf. Einige der überlebenden Opfer werden auch als Zeugen aussagen.

Derweil laufen noch Ermittlungen über mögliche Unterstützung, die die Kouachi-Brüder aus dem Jemen erhalten haben könnten; Saïd Kouachi soll 2011 in ein dortiges Trainingslager von Al-Qaida gereist sein. Zu den Taten der Kouachi-Brüder bekannte sich später Al-Qaida, während sich Coulibaly als Zugehöriger zum sogenannten Islamischen Staat bezeichnet hatte. Der Prozess ist bis 10. November angesetzt.

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