Politik

Corona So viele Neuinfizierte wie zuletzt Mitte April / RKI-Chef Lothar Wieler appelliert an die Gesellschaft

„Beschleunigter Anstieg“

Berlin.Eine massive Weiterverbreitung bei den Corona-Fallzahlen ist aus Sicht des Robert Koch-Instituts (RKI) noch vermeidbar. Er gehe davon aus, dass man in Deutschland das exponentielle Wachstum noch unterdrücken könne, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler am Mittwoch in Berlin. „Aber dafür müssen wir uns auch anstrengen.“ Er halte die derzeitige Situation nicht für gefährlicher als die im Frühjahr.

Insgesamt sieht Wieler heute im Vergleich zum März viel mehr Erfahrung und Wissen im Umgang mit dem Virus, etwa um die Maßnahmen geschickter einzusetzen und um bei Ausbrüchen schnell zu reagieren. Sollten die Zahlen jedoch weiter steigen, steige die Gefahr, mahnte Wieler. Man müsse versuchen, sie klein zu halten. Entscheidend sei das Verhalten der Gesellschaft, das Virus selbst habe sich nicht verändert.

Werte wie zuletzt im Frühjahr

Zur Diskussion um die als kritisch definierte Schwelle von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen sagte Wieler, es gebe keinen perfekten Wert. Der 50er-Wert habe sich aber in den vergangenen Monaten bewährt und werde auch in anderen Ländern genutzt. Er halte ihn für „praktikabel“.

Der Charité-Epidemiologe Stefan Willich hatte kürzlich moniert, es fehle ein „vernünftiger Bezugsrahmen“ – schließlich würden schon allein wegen der Ausweitung der Tests Überschreitungen des Werts wahrscheinlicher.

Die Gesundheitsämter in Deutschland haben nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) von Mittwoch erstmals seit Mitte April mehr als 5000 neue Corona-Infektionen innerhalb eines Tages gemeldet. Insgesamt belief sich die Zahl laut RKI auf 5132. Das waren rund 1000 Fälle mehr als noch am Vortag. Am Mittwoch vergangener Woche hatten die Gesundheitsämter dem RKI 2828 Neuinfektionen mitgeteilt. Der bisherige Höchstwert an Neuinfektionen in Deutschland wurde mit 6294 am 28. März erreicht. So hoch wie aktuell waren die Zahlen zuletzt Mitte April.

Rund 8700 Intensivbetten frei

Das RKI schreibt zur momentanen Situation: „Aktuell ist ein beschleunigter Anstieg der Übertragungen in der Bevölkerung in Deutschland zu beobachten. Daher wird dringend appelliert, dass sich die gesamte Bevölkerung für den Infektionsschutz engagiert.“ Der Anteil der Covid-19- Fälle nehme in der älteren Bevölkerung leicht zu. Senioren gelten in der Regel als anfälliger für eine schwere Corona-Erkrankung als Jüngere.

Die Zahl der Corona-Patienten auf der Intensivstation stieg zwar in den vergangenen Tagen merklich, ist aber weiterhin vergleichsweise niedrig. So wurden laut Daten des Intensivregisters rund 602 Covid-Patienten intensivmedizinisch behandelt, eine Woche zuvor waren es rund 470. Insgesamt sind demnach in Deutschland aber noch knapp 8700 Intensivbetten frei. Experten gehen generell davon aus, dass sich der Anstieg bei Neuinfektionen erst einige Zeit später in der Zahl von Schwerkranken und Toten niederschlägt.

9677 Menschen gestorben

Seit Beginn der Corona-Krise haben sich nach RKI-Angaben mindestens 334 585 Menschen in Deutschland nachweislich mit dem Virus Sars-CoV-2 infiziert. Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion lag demnach bei 9677. Das waren 43 mehr als am Vortag. Nach Schätzungen des RKI gibt es etwa 281 900 Genesene.

Die Reproduktionszahl, kurz R-Wert, lag nach RKI-Schätzungen in Deutschland laut Lagebericht vom Mittwoch bei 1,04 (Vortag: 1,18). Das bedeutet, dass ein Infizierter etwa einen weiteren Menschen ansteckt. Zudem gibt das RKI ein sogenanntes Sieben-Tage-R an. Dieser Wert unterliegt weniger Schwankungen, denn er zeigt das Infektionsgeschehen von vor acht bis 16 Tagen. Laut RKI lag dieser Wert bei 1,16 (Vortag: 1,20). 

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