Politik

Russland Der 8. März ist mit einer Mischung aus Kitsch und mystischer Verehrung Staatsfeiertag / Häusliche Gewalt gilt als Bagatelle

Blumen und Schläge vom Ehemann

Moskau.Die Jungs in den Kindergärten basteln schon seit Tagen. Schneiden beflissen Rosen und Tulpen aus buntem Papier aus, formen Blumen aus Knete, malen Maiglöckchen. Für die Spielkameradin aus der Gruppe, für die eigene Mutter, die Großmutter, auch für die Erzieherin oder die Nachbarin. Russland ist im Blumenrausch.

Wehe dem Mann, der seiner Ehefrau nicht einen dicken Strauß Blumen mitbringt. An diesem Tag wäre das ein gesellschaftlicher Fauxpas. Der 8. März, dieser Internationale Frauentag, ist in Russland Staatsfeiertag, eine verkitschte Mischung aus Valentinstag, Muttertag, Frühlingsanfang und einem Fest der Liebe und ewigen Weiblichkeit. Mit kämpferischen Anliegen für mehr Gleichberechtigung hat er längst nichts mehr zu tun. Feminismus ist verpönt im Land, gilt er doch seit seinen Anfängen gewöhnlich als „Pest aus dem Ausland“.

Kaum Gerichtsurteile

In Politik und Gesellschaft herrscht ein traditionelles Rollenverständnis. Während der Westen in der #MeToo-Debatte über sexuelle Belästigung und die Fragen nach Macht und Gewalt diskutierte, sagte die russische Theater-Schauspielerin Ljubow Tolkalina: „Sexuelle Belästigung ist, ehrlich gesagt, wunderbar.“ An Vergewaltigungen seien Frauen schuld, und überhaupt: Warum müsse man darüber reden? Einen Aufschrei über die Sätze der damals 39-Jährigen hatte es nicht einmal in liberalen Medien gegeben. Sexuelle Gewalt ist ein Tabu in Russland. Vor allem in der Provinz gilt Gewalt als unspektakulär. Der Satz „Wenn er schlägt, dann liebt er mich“ aus dem Gesetzeskodex „Domostroj“ aus dem 16. Jahrhundert ist in den Köpfen der Russen tief verankert.

Nach Angaben des Menschenrechtsrats beim russischen Präsidenten erleben täglich 36 000 Frauen in Russland Schläge ihrer Ehemänner. 12 000 Frauen sterben jährlich an den Folgen häuslicher Gewalt, 97 Prozent aller angezeigten Fälle solcher Gewalt werden nicht vor Gericht verhandelt. Vor zwei Jahren lockerte das Land zudem Strafen für häusliche Gewalt. Sie ist keine Straftat mehr, sondern lediglich eine Ordnungswidrigkeit, eine Bagatelle.

Die Frau bleibt Beute, obwohl sie in Russland eigentlich Jägerin ist. Es sind die Männer, die die Wahl haben, weil es von ihnen etwa zehn Millionen weniger als Frauen gibt. Der Traum vieler junger Frauen ist es, einen reichen Mann zu heiraten, Kinder großzuziehen und nie wieder arbeiten zu gehen. Das Bild der russischen Frau ist Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sozialistisch geprägt und von extremen Stereotypen durchsetzt: Sie ist die Traktoristin und die verdiente Werkarbeiterin, die sorgende Mutter und die aufreizende Hure. Immer mit roten Lippen und geschminkten Augen, auch wenn sie an der Werkbank schuftet.