Politik

Pandemie Rund 1200 Tote innerhalb von 24 Stunden / Bolsonaro hat trotz Krise stabile Umfragewerte

Brasilien steuert auf Million zu

Archivartikel

Rio de Janeiro.Irgendwann zwischen Freitag und Samstag wird die magische Grenze fallen: Brasilien steuert mit Riesenschritten auf die Marke von einer Million Covid-19-Infektionen zu. Auch für das mit rund 210 Millionen Menschen bevölkerungsreichste Land Südamerikas ist das eine ebenso bemerkenswerte wie besorgniserregende Zahl. Auch bei den Toten gibt es keine Entspannung. Am Mittwochabend meldete ein Zusammenschluss der führenden brasilianischen Medien 1209 Tote in den letzten 24 Stunden. Sie tun das, weil sie nach einem Versuch der brasilianischen Regierung des rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro, die Zahlen schönzurechnen, nun lieber eigene Recherchen anstellen, anstatt den offiziellen Zahlen des Gesundheitsministeriums zu trauen. Zum Vergleich: Im mit rund 50 Millionen Einwohnern ebenfalls bevölkerungsreichen Kolumbien gibt es bislang 1800 Tote – seit Beginn der Krise.

Basis bleibt treu

Trotzdem scheint Bolsonaro wieder fester im Sattel zu sitzen als vor einem Monat, als er den Rücktritt der populären konservativen Minister Luiz Mandetta (Gesundheit) und Sergio Moro (Justiz) hinnehmen musste, die den in vielen politischen Fragen umstrittenen Kurs Bolsonaros nicht mehr mittragen sollen. Bezeichnend für die fehlende Führung Bolsonaros ist das Chaos an der Ministeriumsspitze, die nach zwei Rücktritten nur mit einer Interimsleitung besetzt ist – inmitten einer Pandemie.

Wie jüngste Umfragen zeigen, stellen die Brasilianer dem Präsidenten in der Corona-Krise zwar ein schlechtes Zeugnis aus, dafür bleibt aber die Basis treu. In einer jüngsten Umfrage des Instituts Datafolha zeigen sich über ein Drittel der Brasilianer mit der Amtsführung sehr zufrieden. Damit sind die Zustimmungswerte nach den Ministerrücktritten wieder leicht gestiegen, obwohl die Corona-Pandemie noch gar nicht ihren Höhepunkt erreicht hatte. Ausländische Medien werfen Bolsonaro immer wieder vor, am Anfang der Pandemie nur von einem „Grippchen“ gesprochen und die Gefahr nicht erkannt zu haben.

Allerdings steht Brasilien in der Zahl pro 100 000 Einwohner immer noch deutlich besser da als Europa oder die USA, von wo die Kritik besonders laut ist. Das nutzen seine Anhänger, um Bolsonaro als Opfer einer internationalen Kampagne zu präsentieren.

Anwalt der kleinen Leute

Hinzu kommt, dass Bolsonaro im politischen System Brasiliens nur einen beschränkten Einfluss auf die Entscheidungen von Regionalregierungen über Lockdowns hat. Das hat ihm die Möglichkeit gegeben, sich als Anwalt des informellen Sektors zu inszenieren. Also jener, die als Straßen- oder fliegende Händler unterwegs sind und kleine Läden besitzen. Bolsonaros Forderung, zur Normalität zurückzukehren, kommt an in dieser Gesellschaftsschicht, denn für sie ist jeder Tag ohne Einnahmen ein Kampf ums Überleben.

Und noch etwas kommt Bolsonaro zugute: Er stellt sich hinter Hilfszahlungen für die Bevölkerung. Überspitzt ausgedrückt kommt an der Basis an: Bolsonaro zahlt ans Volk, die Gouverneure verbieten das Arbeiten.

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