Politik

Studie Verschiedene Wahrnehmung von Lebensverhältnissen / Heimatverbundenheit in ländlichen Gebieten wichtig

Bürger akzeptieren Unterschiede

Archivartikel

Berlin.Dass es sich in Deutschland sehr unterschiedlich lebt, ist bereits durch zahlreiche Untersuchungen belegt. Doch wie nehmen die Bürger ihre jeweilige Situation selbst wahr? Eine am Donnerstag veröffentlichte Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung kommt zu dem Schluss, dass die Menschen solche Unterschiede durchaus akzeptieren – allerdings nur bis zu einem gewissen Grad.

Für ihre Untersuchung haben die Forscher rund 300 Einzel- und Gruppengespräche mit Bürgern sowie Funktionsträgern aus Politik und Wirtschaft in 15 Regionen des Landes geführt, die exemplarisch für eine gute, mäßige und schlechte Teilhabe stehen – vom wohlhabenden Heilbronn bis zu Landstrichen in Sachsen-Anhalt, die eine rasante wirtschaftliche Talfahrt erleben. Die Ergebnisse seien zwar nicht repräsentativ, wie der Mitautor der Studie, Manuel Slupina, einräumte. Sie gäben aber einen guten Einblick in das Lebensgefühl vor Ort.

Gute Teilhabe im Südwesten

So sind sich die Menschen auf dem Lande zumeist des Nachteils bewusst, dass sie zum Arbeiten weite Wege in Kauf nehmen müssen und auf die nächste Stadt angewiesen sind, wenn ein Facharztbesuch oder ein bestimmter Einkauf ansteht. Hier spielt aber die Heimatverbundenheit eine große Rolle. Umgekehrt sorgen sich viele Bürger in attraktiven Großstädten über steigende Mieten und das ständige Verkehrschaos. Viele von ihnen sehen sich jedoch als „Stadtmenschen“ und können sich ein Leben auf dem Land nicht, oder nicht mehr vorstellen.

Der Direktor des Berlin-Instituts, Reiner Klingholz, hat dabei zwei Tendenzen ausgemacht: „Manche jammern auch auf hohem Niveau, während es auf der anderen Seite eine Zufriedenheit der Genügsamen gibt.“ Letztere leben laut Studie vor allem in Regionen, die nach einem Niedergang wieder im Aufwind sind. Zum Beispiel durch Zuzüge oder die Ansiedlung von Jobs. Hier sei die Stimmung sogar optimistischer als die Lage.

Problem Strukturwandel

Problematisch wird es dort, wo der Strukturwandel keinerlei Anlass zur Hoffnung bietet, zum Beispiel die Jungen wegziehen und nur noch Alte übrig bleiben. Hier stelle sich ein „Gefühl der Ohnmacht“ ein, erklärte Slupina.

Besonders gute Teilhabechancen – das ist nicht neu – gibt es laut der Studie in Baden-Württemberg, Teilen Bayerns sowie im südlichen Hessen. Im Osten sticht lediglich der berlinnahe brandenburgische Landkreis Dahme-Spreewald positiv heraus. Dort sorgt der Flughafen Schönefeld für viele Arbeitsplätze und ein hohes Steueraufkommen. Ansonsten müssen die Bewohner in fast allen Landkreisen und den meisten Städten der neuen Länder mit geringeren Teilhabechancen leben. Dieses Schicksal teilten sie aber mit den Bewohnern vor allem in Städten des Ruhrgebiets, aber auch im Südwesten von Rheinland-Pfalz sowie in Niedersachsen, in Schleswig-Holstein und im Saarland, erläuterte Klingholz.

Im Juli hatte die Bundesregierung einen Plan für die Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse vorgestellt. Kernpunkt ist ein gesamtdeutsches Fördersystem für strukturschwache Gebiete. Zusätzliches Geld soll es aber erst einmal nicht geben. Klingholz warnte hier vor überzogenen Erwartungen. Wenn zum Beispiel auf eine Geburt vier Beerdigungen kämen, wie im brandenburgischen Spree-Neiße-Kreis, blieben gleichwertige Lebensverhältnisse dort eine Utopie. Überhaupt habe die Regierung „bis heute nicht definiert, wie Gleichwertigkeit überhaupt auszusehen hätte“, kritisierte Klingholz. Auch abgelegene Gegenden könnten aber davon profitieren, würde die Politik eine bundesweit einheitliche Grundversorgung von der Elektrizität bis zum schnellen Internetzugang definieren und garantieren. Dies könnten die Bürger dann auch im Zweifel einklagen, so Klingholz.

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