Politik

Pandemie Gesundheitsminister Jens Spahn appelliert angesichts steigender Infektionen an die Bevölkerung

Corona-Herbst als Charaktertest

Archivartikel

Berlin.„Die Corona-Lage im Herbst” – so war die Pressekonferenz von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), dem Präsidenten des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, Kassenarztchef Andreas Gassen und mehreren Wissenschaftlern überschrieben. Es war Zufall, aber es passte in deren Konzept, vor einer Verharmlosung der Pandemie zu warnen: Kurz zuvor war bekanntgeworden, dass die Zahl der Neuinfektionen sprunghaft aufmehr als 4000 am Tag gestiegen ist. Ein Überblick:

Spahn und Wieler zeigten sich besorgt. Ist das berechtigt?

Die Zahl der Neuinfektionen ist nur ein Teil des Bildes. Es geht auch um die regionale Verbreitung und darum, wer betroffen ist. Aktuell zeigt sich, dass die Zahl der Hotspots steigt, gleichzeitig sinkt die Zahl der Landkreise, in denen es keine Infektionen gibt, und zwar von über 120 im Sommer auf jetzt nur noch sieben. Das Virus breitet sich also flächendeckend aus. Dabei spielen Reiserückkehrer kaum eine Rolle.

Nach Angaben von Wieler steigt zudem das Alter der Infizierten wieder. Immer mehr Senioren stecken sich erneut in Pflegeheimen und Kliniken an. Das hat Folgen: Die Zahl der Corona-Erkrankten, die auf einer Intensivstation behandelt werden muss, hat sich in den vergangenen vier Wochen auf 470 verdoppelt. Und schließlich steigt erneut der Anteil derjenigen, die Covid-19 nicht überleben.

Wird es einen neuen Lockdown geben?

Spahn schloss das zwar nicht explizit aus. Er argumentierte aber dagegen: Man wisse heute deutlich mehr über die Verbreitung des Virus als noch im Frühjahr. Wo die Regeln eingehalten würden, wirkten sie auch: „Wir haben keine Ausbrüche beim Einkaufen. Wir haben keine Ausbrüche beim Friseur. Wir haben kaum Ausbrüche im öffentlichen Nahverkehr”, sagte der Minister. Auch in den Kindergärten und Schule laufe es „vergleichsweise gut”. Das Problem seien Zusammenkünfte vieler Menschen auf engem Raum, wo die Regeln nicht eingehalten würden.

Welche Entwicklung wird für Herbst und Winter erwartet?

Genaue Prognosen gaben Spahn und Wieler nicht ab. Der RKI-Chef sagte: „Es ist möglich, dass wir mehr als 10 000 Fälle pro Tag sehen. Es ist möglich, dass sich das Virus unkontrolliert verbreitet.” Seine Hoffnung sei aber eine andere. Dabei nannte er das Beispiel München, wo es durch Alkoholverbote und Kontaktbeschränkungen gelungen sei, die Zahl der Neuinfizierungen wieder deutlich zu senken. Spahn zeigte sich auch zuversichtlich, dass das Gesundheitssystem weiterhin nicht überfordert wird. Derzeit sind 30 311 Intensivbetten registriert, wovon mit 8480 Betten knapp ein Drittel frei ist. Die Gießener Infektiologin Susanne Herold berichtete allerdings, die Kliniken befürchteten einen Anstieg der Corona-Intensivpatienten. Das könne auch dazu führen, dass nicht dringend notwendige Operationen abgesagt und verschoben werden müssten.

Wie will die Regierung die Pandemie eindämmen?

Weitere Einschränkungen im öffentlichen Leben nannte Spahn nicht. Er appellierte erneut an die Bevölkerung, die Schutzregeln einzuhalten: Abstand, Hygiene, Alltagsmasken, die Nutzung der Corona-Warn-App und regelmäßiges Lüften. Das seien die wirksamsten Maßnahmen. „Es liegt an uns allen”, sagte Spahn und betonte: „Wenn 80 Millionen mitmachen, sinken die Chancen des Virus gewaltig.” Er nannte den Umgang mit der Pandemie einen „Charaktertest für die Gesellschaft” und forderte junge Menschen auf, auf Feiern und Partys zu verzichten. Zugleich kündigte Spahn eine neue Teststrategie an, um älteren Menschen in Pflegeeinrichtungen zu schützen. So sollen bei Bewohnern, Mitarbeitern und Besuchern künftig so genannte Antigen-Schnelltests zum Einsatz kommen, die in 15 Minuten ein Ergebnis zeigen.

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