Politik

Premierminister Zögerliche Haltung bei Pandemie-Bekämpfung und Konfrontationskurs in EU-Austrittsverhandlungen verstärken Kritik aus eigenen Reihen

Corona stürzt Boris Johnson in die Krise

Archivartikel

London.Als Boris Johnson am Dienstag neue Pläne vorstellte, um gegen die schwerste Rezession seit 300 Jahren zu steuern, wurde der britische Premierminister auch nach den gerade verschärften Corona-Maßnahmen gefragt. Darf man im Nordosten Englands nun Menschen aus einem anderen Haushalt im Pub treffen, aber nicht im heimischen Garten? Johnson wurstelte wortreich an seinem Pult herum, eine konkrete Antwort blieb er der Nation schuldig.

Eher verwirrt wirkte er – und man konnte angesichts der konfusen Regeln, die derzeit im Königreich gelten, fast Mitleid mit ihm haben, wäre es nicht der Regierungschef selbst, der dem Land abermals erhebliche Einschränkungen auferlegt hat. Nur, weil diese sich ständig ändern, mit Ausnahmen gespickt sind und sich außerdem in den Landesteilen unterscheiden, blickt mittlerweile kaum noch jemand durch. Als „extrem inkompetent“ bezeichnete die Labour-Partei den Premier im Anschluss. Das Problem für Johnson ist jedoch, dass nicht nur die Opposition wütet, sondern auch innerhalb seiner konservativen Reihen die Kritik an dem Chaos täglich lauter wird. Mittlerweile bereiten rund 50 Tory-Abgeordnete eine Revolte gegen den mit Notstandsbefugnissen regierenden Johnson vor.

Aufrührerische Stimmung

Jede Woche gleiche „einer Feuerprobe“, hieß es von einem Konservativen. Einem anderen Parlamentarier zufolge schäumen die Kollegen vor Wut. „Natürlich verstehen sie, dass Boris Johnson die letzte Wahl gewonnen hat, aber es liegt eine wirklich aufrührerische Stimmung in der Luft, eine Empfindung, dass er die Kontrolle über seine eigene Partei verloren hat. Dabei ist Johnsons Triumph noch nicht einmal ein Jahr her. An die Macht gespült, nachdem seine Vorgängerin Theresa May am Dauerdrama Brexit scheiterte, fuhr er bei den Neuwahlen im Dezember für die Tories eine Mehrheit von 80 Sitzen im Unterhaus ein. Unantastbar schien er. Folglich wollte der Premier nach dem offiziellen Ausstieg aus der EU am 31. Januar dieses Jahres mit dem Königreich in ein „neues Zeitalter“ aufbrechen. Dann kam Corona. Und seitdem geht es bergab für den 56-Jährigen. Erst verkannte er den Ernst der Lage, leitete Maßnahmen zu spät ein, es folgte eine Panne und Kehrtwende nach der anderen. Nach mehr als 42 000 Toten und weiterhin unklaren Botschaften aus der Downing Street liegt das Königreich wirtschaftlich und mental am Boden.

Umfragen zeigen, dass ein Großteil der Briten das Vertrauen in ihren Regierungschef verloren hat. Dafür holt der Oppositionsführer Keir Starmer in Sachen Kompetenz und Führungsstärke auf. Zu Corona kommt der Streitpunkt Brexit. Dass Downing Street kürzlich ankündigte, Teile des bereits ratifizierten Austrittsvertrags untergraben und damit internationales Recht brechen zu wollen, stieß vielen Konservativen auf. Weiß der kompromisslos führende Tory-Chef, was er tut? Bislang lässt Johnson alle Kritik an sich abprallen. Gleichwohl mehren sich die Stimmen aus dem Hintergrund, die darauf spekulieren, dass seine Zeit bald schon abgelaufen sein könnte. Nachfolger bringen sich bei den Tories bereits in Stellung.

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