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Verteilung Nicht jeder, der ein Covid-19-Gegenmittel gespritzt bekommen will, wird in den ersten Monaten zum Zuge kommen

Coronavirus: Kommt doch die Impfpflicht?

Berlin.Ein Impfstoff ist in greifbarer Nähe – und soll millionenfach in der EU verteilt werden. Doch was heißt das konkret für die Verteilung in Deutschland? Bereits jetzt steht fest: Nicht jeder, der sich impfen lassen will, wird in den ersten Monaten zum Zuge kommen. Fest steht aber auch: Solange sich weniger als 60 Prozent der Deutschen impfen lassen wollen, wird die nötige nationale Immunitätsquote nicht erreicht. Kommt es also am Ende doch zu einer Impfpflicht in bestimmten Fällen?

Mit wie vielen Impfstoffdosen kann Deutschland rechnen?

Es wird aller Voraussicht nach mehr als genug Impfstoff zur Verfügung stehen – nur nicht sofort. Schon allein für das Vakzin von Pfizer-Biontech hat sich der Bund alles in allem so viel reserviert, dass bis zu 50 Millionen Bürger mit jeweils zwei Dosen geimpft werden könnten: Aus dem großen europäischen Rahmenvertrag über bis zu 300 Millionen Impfportionen, den die EU-Kommission am Mittwoch bestätigt hat, stehen Deutschland nach dem Bevölkerungsschlüssel knapp 60 Millionen Dosen zu. Die Bundesregierung hat zudem einen zusätzlichen Kauf beim Impfstoffpionier vorbereitet, schließlich bekommt das deutsche Unternehmen Biontech im Gegenzug Fördergelder in Millionenhöhe. Zusammen könne man so auf bis zu 100 Millionen Dosen kommen, heißt es dazu in der Bundesregierung.

Wann genau beginnen die Impfungen?

Der Zeitplan ist noch unsicher. 2021 will Pfizer-Biontech 1,3 Milliarden Dosen produzieren, Lieferungen an die EU könnten voraussichtlich Ende 2020 beginnen, vorbehaltlich der klinischen Erfolge und der behördlichen Genehmigung. Der Impfstoff braucht noch die Zulassung der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA), die mit einer Expertengruppe aber längst die Teilergebnisse begutachtet. Intern heißt es, dass schon im Dezember oder Januar 40 bis 50 Millionen Impfdosen für die EU zur Verfügung stehen könnten, ab April dann bereits 100 Millionen.

Wer darf sich zuerst impfen lassen?

Drei Gruppen sollen in Deutschland bevorzugt geimpft werden. Hochrisikopatienten, Ärzte und Pfleger, die sich um diese Menschen kümmern, sowie Beschäftigte in systemrelevanten Berufen, also etwa Polizisten, Feuerwehrleute oder Lehrer. So lautet die Empfehlung der ethischen Expertenrunde, die im Auftrag der Bundesregierung Kriterien für die Priorisierung festgelegt hat. Weil absehbar ist, dass es zu Konflikten mit Impfwilligen kommen kann, die nicht zum Zuge kommen, soll die Entscheidung über die Zulassung zur Impfung in 60 regional verteilten staatlichen Impfzentren fallen – und nicht in den Hausarztpraxen.

Werden privat Versicherte bevorzugt?

Dass Privatpatienten hier genauso behandelt werden sollen wie Kassenpatienten, wird ausdrücklich betont: „Auch der Versichertenstatus einer Person darf nicht für ihren Zugang zur Impfung maßgeblich sein“, heißt es in der Empfehlung der Regierungsberater – eines Gremiums aus Experten der Ständigen Impfkommission, des Deutschen Ethikrats und der Wissenschaftsakademie Leopoldina.

Wie lässt sich die nötige Impfquote erreichen?

Aus Sicht der Experten besteht Handlungsbedarf. Um eine ausreichende Immunisierung der Bevölkerung zu erreichen, müssten etwa 70 Prozent mitmachen. „Wir müssen zusätzliches Vertrauen in der Bevölkerung gewinnen“, sagt Gerald Haug, Präsident der Leopoldina.

Ist eine Impfpflicht ausgeschlossen?

Nicht in jedem Fall. Die Ethik-Experten der drei Forschergemeinschaften formulieren Ausnahmen: zum Beispiel dann, wenn es „schwerwiegende Gründe“ bei einer „präzise definierten Personengruppe“ gebe, etwa bei Ärzten oder Pflegern, „die als potenzielle Multiplikatoren in ständigem Kontakt mit Angehörigen einer Hochrisikogruppe sind“. Das gelte aber nur dann, wenn durch eine Impfung schwere Schäden von dieser Personengruppe abgewendet werden könnten.

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