Politik

Medizin Schlafforscher Fietze zur langen Kreuzberger Nacht

„Dann leiden Gedächtnis und Gehirn“

Berlin.Über 24 Stunden haben die Politiker von Union und SPD zuletzt sondiert. Geht das überhaupt? Ingo Fietze (Bild) ist Professor an der Berliner Charité und leitet dort das schlafmedizinische Zentrum. So eine Marathon-Verhandlung lässt sich kaum durchhalten, sagt der Arzt im Gespräch mit dieser Zeitung.

Herr Fietze, kann man bei mehr als 24 Stunden Verhandlungen noch klar denken?

Ingo Fietze: Nein. Wenn man 24 Stunden wach ist, fehlen acht Stunden Schlaf. Dann leiden Gedächtnis, Geschicklichkeit, Konzentration und Reaktionszeit – eben das Gehirn.

Dann müsste das Sondierungsergebnis von Union und SPD doch viel Murks enthalten, oder?

Fietze: Das will ich nicht bewerten. Aber man kann es so sagen: Alle vier Stunden haben wir ein geistiges Hoch. Man sitzt also nicht die ganze Nacht wie im Nebel. Wenn alle zur selben Zeit ein solches Hoch haben, müssten eigentlich genau in diesen Momenten die wichtigen Entscheidungen fallen. Das ist aber nur graue Theorie, da jeder biorhythmisch ein bisschen anders tickt. Unter dem Strich wird aber wahrscheinlich im Laufe der Nacht die Kompromissbereitschaft größer.

Gibt es Tricks, wie man bei solchen Verhandlungen gegen die Müdigkeit ankämpfen kann?

Fietze: Ich würde in Pausen fünf bis zehn Minuten die Augen zumachen. Das wäre klug. Dann ist man die nächsten zwei Stunden wieder eindeutig fitter. Ansonsten gibt es außer hellem Licht und koffeinhaltigen Getränken keine Tricks.

Gerade Politiker behaupten gern, dass sie mit wenig Schlaf auskommen. Kann das sein?

Fietze: Das ist ein Mythos. Angeborene Kurzschläfer gibt es nur ganz wenige. Außerdem würde das bedeuten, dass ein Mensch, der dauerhaft weniger als sechs Stunden schläft dies auch am Wochenende oder im Urlaub macht. Und dass er die restlichen 18 Stunden fit ist. Das geht nicht. Irgendwann muss der fehlende Schlaf nachgeholt werden.

Kann man es trainieren, mit wenig Schlaf auszukommen?

Fietze: Das hat noch keiner geschafft. Die benötigte Schlafzeit lässt sich nicht manipulieren. (BILD: Privat)

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