Politik

Corona Auch Wiesenhof betroffen / Tönnies-Mitarbeiter spricht von schlechten Arbeitsbedingungen und Nicht-Einhalten der Maßnahmen

Das Elend in den Fleischfabriken

Gütersloh/Wildeshausen.Jetzt auch noch Wiesenhof: Mehrere Mitarbeiter eines Schlachthofs der PHW-Gruppe (Wiesenhof) im niedersächsischen Wildeshausen sind positiv auf das Coronavirus getestet worden. Das teilte das Unternehmen am Dienstag mit. Eine am Montag erfolgte Reihentestung sei bei 23 von 50 Mitarbeitern positiv verlaufen, sagte ein Sprecher des Landkreises. Der PHW-Gruppe zufolge sollen alle mehr als 1100 Mitarbeiter des Schlachthofes auf eine Corona-Infektion getestet werden.

Was macht die Fleischindustrie so anfällig? Konzerne machen Kasse auf Kosten von Werkvertragsarbeitern. Ein Beschäftigter berichtet über seine Erlebnisse. Auch über mangelnden Corona-Schutz in der Tönnies-Fabrik, in der es bereits Tausende Infizierte gibt.

Symptome gemeldet

Krampfadern, Rückenschmerzen, Taubheit in den Händen durch die Kälte. Sieben Jahre am Band in Deutschlands größtem Schlachtbetrieb haben Spuren hinterlassen bei Familienvater Lukasz Kowalski, der in Wirklichkeit anders heißt. „Die Maschinen laufen die ganze Zeit, es ist laut in der Halle und kalt“, sagt der 37-Jährige. Arbeitsbeginn für ihn bei Tönnies: nachts um drei Uhr. Die Produktion in Rheda-Wiedenbrück ist nach dem Corona-Massenausbruch mit über 1550 Infizierten gestoppt. Auch Kowalski ist in Quarantäne. Er, seine Frau und Tochter sind positiv getestet – Frau und Kind haben Beschwerden. Und seit Dienstag trifft den gesamten Landkreis Gütersloh mit 370 000 Einwohnern ein Lockdown.

Kowalski ist ausgebrannt, desillusioniert. Vor einer Woche meldete er dem Subunternehmen, mit dem er einen Zeitarbeitsvertrag hat, dass seine Familie eindeutige Corona-Symptome zeige. „Wenn ich keinen Beweis habe, dass ich Corona habe, soll ich trotzdem zur Arbeit gehen, haben die mir gesagt.“ Zum Einsatz kam es nicht mehr – es war der Tag, an dem Tönnies die Produktion aussetzen musste.

Kowalski komme auf bis zu 200 Arbeitsstunden im Monat – aber nur maximal 1500 Euro netto. „Da läuft doch etwas gewaltig schief“, kritisiert die polnischsprachige Caritas-Sozialarbeiterin Hanna Helmsorig. „Die Leute arbeiten oft zehn, zwölf Stunden. Viele brauchen trotzdem noch Leistungen vom Job-Center“. Helmsorig berät viele Vertragsarbeiter im Kreis Gütersloh.

Der Corona-Skandal bei Tönnies hat auch die Arbeits- und Wohnbedingungen der vielfach aus Rumänien, Polen und Bulgarien stammenden Beschäftigten ins Rampenlicht gerückt. Der Reichtum von Konzernen wie Tönnies beruhe „auf maximaler Ausbeutung“, sagt Volker Brüggenjürgen, Caritas-Vorstand im Kreis Gütersloh. „Das System der Werkverträge bringt Elend über die Menschen“, sagt er.

Kowalski erzählt, es habe kaum Corona-Schutzmaßnahmen gegeben. Mit bis zu 30 Kollegen zusammenzuarbeiten, ohne Sicherheitsabstand, sei oft vorgekommen. „Es gab eine Maskenpflicht, aber in der Kantine hat die keiner getragen.“ Erst spät habe es den Hinweis gegeben, jeden zweiten Platz freizulassen. „Das war bei so vielen Menschen aber nicht möglich.“

Tönnies steht unter Beschuss, mit dem Lockdown wächst der Druck. Der Bund will Tempo machen, plant ein weitgehendes Verbot von Werkverträgen – ab 2021 soll das Schlachten und Verarbeiten nur noch von Arbeitnehmern des eigenen Betriebs zulässig sein. Der Konzern kündigte nun am Dienstag an, bis Ende 2020 sollten Werkverträge „in allen Kernbereichen der Fleischgewinnung“ abgeschafft, die Mitarbeiter in der Tönnies-Unternehmensgruppe eingestellt werden. 

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