Politik

Gesundheit Bürger in Moskau meiden Medikamente aus inländischer Produktion – auch deshalb gibt es Vorbehalte gegen Impfstoff

Das Misstrauen ist sehr groß

Archivartikel

Moskau.Als die ersten Meldungen über die zunächst wenigen am neuartigen Coronavirus Erkrankten in Russland auftauchten, noch im Februar und März, wischte Irina Michajlowa die Gefahr beiseite. „In ein paar Monaten gibt’s eine Impfung, dann kehrt wieder Ruhe ein“, pflegte die ehemalige Kindergärtnerin aus Moskau zu sagen. Der strenge Lockdown, die monatelange „Selbstisolation“ in der Stadt, bei der die 56-Jährige lediglich zum Einkaufen und Müllherausbringen die Wohnung verlassen durfte, gaben ihr zu verstehen: Mit der erhofften „Ruhe“ werde es nicht so schnell etwas.

Wieder mehr Neuinfektionen

Nun könnte sie sich melden, könnte sich impfen lassen mit Sputnik V, dem weltweit ersten Impfstoff gegen das Coronavirus. Irina Michajlowa hatte sich das überlegt: Endlich wieder angstfrei Metro fahren, endlich zu ihrer Familie in den Süden des Landes aufbrechen, auf Reisen hatte sie all die Monate verzichtet. „Das wäre mal was! Ein Piks, und alle Sorgen sind weg.“ Doch da ist eine andere, eine noch größere Sorge: „Sputnik V? Viel zu schnell, viel zu früh, viel zu gefährlich. Ich bin nicht verrückt, mich mit diesem Stoff impfen zu lassen.“

Ähnlich reagieren viele Menschen im Land. Ohnehin tun sich viele Russen schwer mit Medikamenten „aus vaterländischer Produktion“, wie die einheimischen Produkte heißen. Vor allem bei schweren Erkrankungen setzen die Menschen auf Stoffe aus ausländischer Produktion. „Wir haben schon bei den gängigsten Mitteln immer geschaut, dass es kein russisches Produkt ist, das wir uns injizieren lassen“, sagt die Boulevard-Journalistin Maria aus Moskau. „Ich fürchte, der Schaden durch die Impfung mit Sputnik V könnte größer sein als durch das Virus“, sagt die 45-Jährige.

Ihre beiden Kinder gehen in diesen Tagen wieder zur Schule, Präsenzunterricht, auch wenn bis jetzt nicht klar ist, welche Maßnahmen gelten sollen. Lehrer sollen als Erste gegen das Coronavirus geimpft werden, so heißt es beim Gesundheitsministerium. Wie auch Ärzte.

Alexander Wanjukow reagiert da verhalten. „Bestenfalls ist die Impfung ungefährlich, schlimmstenfalls völlig nutzlos. Ich habe nicht vor, sie an mir oder meiner Familie auszuprobieren“, sagt er. Der 39-jährige Röntgenchirurg hat drei Monate lang, ohne Unterbrechung, teils in Zwölf-Stunden-Schichten, in einer Klinik nur für Corona-Patienten in Moskau gearbeitet.

Im Juli war etwas Entspannung eingekehrt in das Riesengebäude im Nordwesten der Stadt, er konnte seinen vierjährigen Sohn wieder in den Arm nehmen. Nun steigen die Zahlen wieder an. In Moskau liegen sie täglich bei knapp 700 Neuinfizierten, in Russland bei etwa 5000.

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