Politik

Anschlag von Halle Politiker unterschätzen Gefahr des Juden-Hasses / Synagogen sollen besser geschützt werden / Radikalisierung im Netz

„Der Antisemitismus wird niemals satt“

Archivartikel

Mannheim.Sie steht für das „Wunder von Halle“. Die Eingangstür zur jüdischen Synagoge rettet Dutzenden Menschen das Leben, als der Rechtsextremist Stephan B. am 9. Oktober einen Anschlag verübt. Der schwer bewaffnete 27-jährige Deutsche schießt mehrfach gegen die Tür. Aber das Portal aus massivem Holz – gekauft von einer 13 000-Euro-Spende aus New York – hält.

Und dennoch zerbricht etwas. Die Illusion von einem Land, in dem sich die Juden akzeptiert und sicher fühlen können, weil die Deutschen die Lehren aus dem Holocaust gezogen haben. „Der Antisemitismus ist nie erloschen, er hat hier eine lange Tradition und steckt tief in unseren Köpfen“, sagt Michael Blume, der Beauftragte gegen Antisemitismus der baden-württembergischen Landesregierung. Kurz nach dem Anschlag veröffentlicht der Jüdische Weltkongress eine Studie. Das traurige Ergebnis: Jeder vierte Deutsche denkt antisemitisch. Juden haben demnach zu viel Macht in der Wirtschaft oder sind für die meisten Kriege verantwortlich. Die alten Verschwörungstheorien leben weiter.

Eine Gewalttat pro Woche

Das Attentat in der ostdeutschen Stadt rüttelt die Politiker wach, die die Gefahr des Antisemitismus unterschätzt haben. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) besucht im Dezember erstmals in ihrer Amtszeit Auschwitz – in „tiefer Scham“. Und Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) verkündet erst gegen Jahresende, dass die Behörden ihren Kampf gegen den Rechtsextremismus verschärfen wollen. Seehofer spricht von einer „hässlichen Blutspur, beginnend von NSU bis Halle“. Blume warnt allerdings davor, den Antisemitismus nur im rechtsextremistischen Lager zu verorten: „Es gibt auch linksextremistischen und islamistischen Antisemitismus.“

Der Religionswissenschaftler beschäftigt sich schon lange mit dem Antisemitismus. Sein Fazit: „Der Antisemitismus wird niemals satt. Er radikalisiert sich gegenwärtig digital und global.“ Seine Strukturen sind ins Internet gewandert. Dort bilden sich viele Hass-Gruppen, die sich aufputschen. Deshalb lässt sich die These vom Einzeltäter nicht halten, selbst wenn nur einer schießt. Stephan B. kauft seine Waffen mit einer „Spende“ aus dem Netz – ausgezahlt in der Kryptowährung Bitcoin. Der Attentäter filmt den Anschlag und stellt das Video live ins Netz für seine Gesinnungsfreunde.

Das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Los Angeles stuft den Anschlag als zweitschlimmsten antisemitischen Vorfall des Jahres ein und wirft den deutschen Behörden vor, sie hätten es „trotz zunehmender antisemitischer Taten“ versäumt, Sicherheitskräfte vor der Synagoge aufzustellen. Der Vorwurf lässt sich nicht einfach von der Hand weisen. Denn die Gefahrenlage für Juden erhöht sich schon seit Jahren. Das Bundeskriminalamt zählt fünf Attacken am Tag mit politischem Hintergrund. Juden werden beleidigt, bespuckt und bedroht. Mehr als einmal pro Woche ist dabei auch Gewalt im Spiel.

Blume sieht deshalb auch beim Schutz von jüdischen Einrichtungen Handlungsbedarf. Das Land Baden-Württemberg hat bereits für die jüdischen Gemeinden zwei Millionen Euro bereitgestellt. „Wir dürfen nicht nur Mauern hochziehen, sondern müssen auch in Bildung der Schüler und Begegnung mit gleichaltrigen Juden und die Fortbildung der Lehrer investieren“, sagt er. Damit der Antisemitismus nicht von Generation zu Generation weiterübertragen wird.

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