Politik

Halle-Attentat Angeklagter gibt bei Prozessauftakt krude Weltsicht zu Protokoll / Ziel des Anschlags war Synagoge

Der Gerichtssaal als Bühne

Archivartikel

Magdeburg.Was am 9. Oktober in Halle geschehen ist, ist einigermaßen klar. Der rechtsextreme Attentäter von Halle filmte, wie er an der Tür der Synagoge scheiterte, er filmte wie er zunächst eine Frau und später einen jungen Mann erschoss. Das Ganze streamte er live ins Internet. „Es ist eine neue Dimension der Menschenverachtung, die durch diese Tat hier in Deutschland stattgefunden hat“, sagt Kai Lohse von der Bundesanwaltschaft. Es sei ein Anschlag gewesen, der uns allen gegolten habe, allen Menschen in Deutschland.

Doch um die Frage „Was ist passiert?“ geht es vielen Beobachtern, Nebenklägern und sonstigen Betroffenen bei dem Prozess gegen den Mann gar nicht so sehr, der am Dienstag in Magdeburg begann. Sie wollen vor allem verstehen, wie aus dem Angeklagten, einem hageren, eher kleinen Mann mit fliehendem Kinn, hoher Stimme und kurz geschorenem Haar, ein rechtsextremer Terrorist werden konnte.

Lange hatten die Nebenkläger, die Besucher, Journalisten und auch der Angeklagte selbst am Dienstag auf den Prozessbeginn warten müssen: Er verzögerte sich um zwei Stunden. Das Oberlandesgericht Naumburg hat sich für den vielleicht bedeutendsten Prozess in der Geschichte Sachsen-Anhalts einiges vorgenommen: Für die zunächst 18 geplanten Verhandlungstage sind 147 Zeugen benannt.

Viele Pannen während der Tat

Ein Massaker hatte der Angeklagte anrichten wollen, am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur wollte er – wie er vor Gericht freimütig einräumt – eine Synagoge stürmen und möglichst viele Juden töten. Minutenlang lässt sich der Angeklagte bei jeder Gelegenheit über Muslime und Schwarze aus. Der Mann aus einem 1000-Seelen-Dorf in Sachsen-Anhalt sieht in ihnen Eroberer, die ihn aus der Gesellschaft verdrängen wollten. In seiner absurden Logik macht er Juden für diese vermeintliche Eroberung verantwortlich.

Letztlich tötete er keine Jüdin und keine Juden, weil er es mit seinen selbstgebauten Waffen und Sprengsätzen nicht schaffte, die Tür der Synagoge zu überwinden. „Jetzt hab ich mich global lächerlich gemacht“, habe er gedacht, als er nicht in die Synagoge kam. Als er aus einer „Kurzschlussreaktion“ heraus eine Frau erschoss und dabei die Reifen seines Mietwagens zerstörte, sei ihm klar geworden, dass er seinen Plan nicht werde umsetzen können.

Um noch überhaupt etwas „zu erreichen“, sei er die Straße herunter gefahren und bei der ersten Gelegenheit, einem Dönerimbiss, ausgestiegen. Auch sein zweites Mordopfer habe er nicht absichtlich getötet, überhaupt habe er ja viele Weiße getroffen, das sei nicht der Plan gewesen. Dass dem Mann am 9. Oktober nicht noch mehr Menschen zum Opfer fielen, lag an den Pannen mit seinen selbstgebauten Waffen.

Das Internet sei sein einziger sozialer Kontakt jenseits der Familie gewesen, sagt der Angeklagte. Dort könne er offen kommunizieren, das gehe im echten Leben in Deutschland nicht. Dort habe er auch seine Waffen oder die Teile dafür besorgt, dort lud er vor der Tat ein sogenanntes Manifest hoch und dort streamte er das Video seiner Tat. Warum? „Weil die Aufnahme, die Übertragung wichtiger ist als die Tat selbst“, sagt er ganz selbstverständlich.

Der 28-Jährige, das wird zu Prozessbeginn deutlich, weiß genau, welche Botschaft er auf der großen Bühne des Prozesses senden will. Es ist eine Botschaft, die viele Rechtsextreme seit Jahren verbreiten, mit den Schlagworten Weltherrschaft, Verdrängung und 2015. Wenn er davon loslegt, kann er sich kaum halten.

Kleinlaut und kurz angebunden ist der Angeklagte hingegen, wenn es um ihn geht, um sein Leben und seine Angehörigen. „Die Tat hat keinen Bezug zu meiner Familie“, beteuert er. Nach einer kurzen Zeit bei der Bundeswehr ging er nach Magdeburg, dann nach Halle, um zu studieren. Das Studium brach er aus gesundheitlichen Gründen ab. Seither machte er nichts mehr, keine Arbeit, kein Studium – mit 27 wohnt er in einem Zimmer im Haus seines Vaters. Er sei offensichtlich ein Versager, sagte der Angeklagte. Auch wenn ihm dieser Gedanke erst nach dem gescheiterten Angriff auf die Synagoge gekommen sei. dpa

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