Politik

Gipfel (mit Video) Nordkoreanischer Machthaber setzt sich auf weltpolitischer Bühne in Szene / US-Präsident Trump spricht lobende Worte

Der Verhandlungssieger heißt eindeutig Kim Jong Un

Singapur.Während sich US-Präsident Donald Trump den Fragen der Medien stellte, ließ Kim Jong Un sich bejubeln. Der Umgang mit der Presse mag dem Diktator fremd sein. Aber Massen, die ihm zuwinken – das ist ihm von zuhause vertraut. Als er am Hotel St. Regis in Singapur aus der Limousine stieg, brachen die Schaulustigen in Hochrufe aus. Kim grinste breit und winkte staatsmännisch zurück. Kim, der Sieger.

Obwohl Trump sich gestern als großer Macher darstellte, hat sein nordkoreanischer Kontrahent nach Ansicht von Experten das bessere Geschäft gemacht. „Die gemeinsame Erklärung enthielt noch weniger konkrete Details als die Erklärung von Panmunjom in der vergangenen Woche“, sagte Ben Forney vom Asan Institute for Policy Studies in Seoul. Zwar erklärte sich Kim zur „vollständigen Denuklearisierung“ bereit. „Doch es fehlen überprüfbare Kriterien dafür.“ Die Erklärung bringe keine der beiden Seiten verlässlich auf den Weg der Deeskalation. Stattdessen konnte Kim sich als wichtiger Führer bestätigt fühlen. Trump behandelte ihn mit größtem Respekt.

„Unglaublich talentiert“

Überhaupt gaben beide sich den ganzen Tag über besonders staatsmännisch. Sie gingen gemessenen Schrittes, lächelten, schüttelten Hände, machten wohlgesetzte Äußerungen. Kim gab sich sichtbar Mühe, nicht aus der Rolle zu fallen. Doch ab und zu scheiterte er – wenn ihm die Hitze in Singapur zusetzte. Er geriet schon bei wenigen Schritten in den offenen Säulengängen des Capella-Hotels auf der Insel Sentosa ins Schwitzen und wurde kurzatmig.

Zugleich war den beiden Gesprächspartnern die gegenseitige Sympathie anzusehen – obwohl Trump Kim erst vor wenigen Wochen noch als „Little Rocket Man“ („kleiner Raketenmann“) bezeichnet hatte. Tatsächlich scheint Kim dem US-Präsidenten hinter verschlossenen Türen mächtig geschmeichelt zu haben. Denn Trump lobte ihn hinterher über den grünen Klee. Es sei bemerkenswert, wie gut Kim sein Land regiere – und das, obwohl er schon in so jungen Jahren die Macht übernehmen musste. Kim sei „unglaublich talentiert“.

So etwas sagt Trump über Leute, die er zwar nicht für schwach hält, die ihm aber auch nicht widersprechen. Nach dem Gipfel leitete Trump mit Elan eine Pressekonferenz. Er zeigte sich zufrieden mit seiner Leistung als Verhandlungsführer. „Wir haben einen sehr intensiven halben Tag miteinander verbracht und fantastische Ergebnisse erzielt.“ Seine Leistung gehe weit über das hinaus, was andere Präsidenten vor ihm mit Nordkorea erreicht haben.

Experten widersprechen hier. Bereits 1993 und danach noch mehrfach haben Kims Vater und Großvater ähnliche Vereinbarungen unterschrieben. Sie haben sie stets wieder gebrochen. Deshalb wollten Trumps Vorgänger George Bush und Barack Obama den Nordkoreanern keine Zugeständnisse machen, ohne dass sie konkret in Vorleistung gehen. Hier sieht Forney ein großes Defizit des Gipfels. Trump hat von Kim bisher nur ein Versprechen bekommen. Er habe sich dafür leichtfertig bereiterklärt, gemeinsame Militärmanöver mit Südkorea aufzugeben.

Begegnung auf Augenhöhe

Für Kim dagegen ging ein Traum in Erfüllung, den schon sein Vater hegte: auf der Weltbühne als mächtiger Herrscher ernst genommen zu werden. Er begegnet dem mächtigsten Mann der Welt auf Augenhöhe. Tatsächlich erhöhen die Fotos von den lächelnden Staatsmännern Kims politische Statur enorm – auch im Inland. Nordkoreas Medien haben auf Anweisung Kims bereits gestern umfangreich über die Reise ihres „geliebten, respektierten Führers“ berichtet.

Es scheint, als ob Kims Atomprogramm nur das Mittel gewesen sei, um an diesen Punkt zu kommen. Noch während der Gipfel dauerte, meldeten sich die Nachbarländer mit Zustimmung in verschiedenen Tonlagen. Japan begrüßte die Erklärung, bezeichnete sie aber allenfalls als „guten Anfang“. China lobte beide Seiten, die Übereinkunft gefunden zu haben, die Peking sich gewünscht habe. Tatsächlich schmelzen Handelsbeschränkungen bereits: China deutete an, die Grenzen könnten geöffnet werden.

Im weiteren Verlauf werden sich nun Unterhändler beider Seiten treffen, um die gemeinsame Erklärung der beiden Bosse mit Leben zu füllen. Trump kündigte bereits an, dass sein Sicherheitsberater John Bolton und Außenminister Mike Pompeo die Gespräche fortsetzen. „Dieser Gipfel war nicht das Ende eines Abrüstungsprozesses, sondern allenfalls ein Anfang“, sagt Forney.

Info: Video unter morgenweb.de/politik

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