Politik

Bevölkerung Forscher sehen starke Gegensätze bei regionaler Entwicklung / Einwohnerzahl dürfte die nächsten 20 Jahre stabil bleiben

Deutschland driftet auseinander

Berlin.Durch Zuwanderung und mehr Geburten ist die Einwohnerzahl in Deutschland entgegen früheren Voraussagen auf eine neue Rekordmarke von rund 83 Millionen geklettert. Fällt der demografische Wandel damit aus? Wohl kaum. Nach einer Untersuchung des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung profitieren längst nicht alle Regionen gleichermaßen.

Die gute Nachricht: Auch in den nächsten beiden Jahrzehnten wird die Einwohnerzahl wohl kaum schrumpfen. Allein schon deshalb, weil Deutschland für viele Migranten ein Magnet bleiben dürfte. Der Wanderungsgewinn pro Jahr könnte sich im Schnitt auf 260 000 Personen einpegeln.

„Allerdings verschärfen sich die regionalen Verwerfungen zwischen den prosperierenden Großstädten und den entlegenen, strukturschwachen Regionen“, erklärte der Direktor des Berlin-Instituts, Reiner Klingholz, gestern bei der Vorstellung der aktuellen Untersuchung.

In allen fünf ostdeutschen Flächenländern wird die Bevölkerung demnach bis zum Jahr 2035 schrumpfen – am stärksten in Sachsen-Anhalt mit noch einmal fast 16 Prozent. Bereits seit der Wende hat das Land fast ein Viertel seiner Einwohnerzahl eingebüßt. Dagegen wird für Berlin ein Bevölkerungszuwachs um elf Prozent erwartet.

Heidelberg fit für die Zukunft

In Westdeutschland ist das Bild ebenfalls zweigeteilt, aber weniger extrem ausgeprägt. Auch in Hamburg ist demnach mit einem Bevölkerungsplus von elf Prozent zu rechnen. Baden-Württemberg, Bayern und Bremen könnten um vier Prozent zulegen. Ähnlich sieht es in Hessen aus.

Für Nordrhein-Westfalen (NRW), Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein erwarten die Experten dagegen einen leichten Rückgang um bis zu drei Prozent. Für das Saarland wird gar mit einem Einwohnerschwund von fast neun Prozent gerechnet.

Die Studie geht aber noch tiefer. Um die „Zukunftsfähigkeit“ der Regionen vergleichbar zu bewerten, haben die Forscher die 401 Kreise und kreisfreien Städte in Deutschland anhand bestimmter Kriterien wie zum Beispiel Wirtschaftsstärke, Bildungsmöglichkeiten und Familienfreundlichkeit untersucht. Überraschendes Ergebnis des Rankings: Es herrscht mehr ein Nord-Süd-Gefälle vor als eine Ost-West-Drift. So liegt zum Beispiel Dresden auf Platz 15 unter den 401 Regionen. Zu den Spitzenreitern zählen München, Heidelberg, Erlangen und Ulm, also ausnahmslos Kommunen in Bayern und Baden-Württemberg. Schlusslichter sind Herne (NRW), Dithmarschen (Schleswig-Holstein), Pirmasens (Rheinland-Pfalz) und Gelsenkirchen (NRW).

In früheren Studien des Berlin-Instituts lagen die 20 am schlechtesten bewerteten Regionen nahezu komplett in den neuen Ländern. Jetzt sind es nur noch fünf. Daran zeigten sich die „punktuellen Erfolge“ des Aufbaus Ost, erläuterte der Mitautor der Studie Manuel Slupina. Umgekehrt sei die Lage in einigen westdeutschen Gebieten inzwischen ähnlich schwierig wie in den strukturschwachen Regionen Sachsen-Anhalts oder Brandenburgs.

Ruhrgebiet hinter dem Osten

Ein weiterer bemerkenswerter Befund: Nicht in ostdeutschen Kreisen, sondern im Ruhrgebiet haben die Menschen mittlerweile am wenigsten im Portemonnaie. Nicht einmal 17 000 Euro betrage das jährliche verfügbare Einkommen der Bewohner von Gelsenkirchen und Duisburg, heißt es in der Studie. Grundsätzlich allerdings gilt: Je weiter Regionen von attraktiven Großstädten entfernt sind, desto höher sind dort der Bevölkerungsschwund und die Gefahr der strukturellen Verödung. In diesen Gebieten seien „neue, unkonventionelle Ideen zur Daseinsvorsorge nötig, um die stark gealterte Bevölkerung gut zu versorgen“, meinte Slupina.