Politik

"Dich sollte man vergasen" - Antisemitismus an Schulen im Südwesten

Stuttgart.Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hat sich entschieden gegen Antisemitismus an Schulen gewandt und Lehrer ermutigt, Vorfälle an die Kultusverwaltung zu melden. Sie warnte am Freitag bei einer Fachtagung in Stuttgart auch davor, Judenfeindlichkeit nur bestimmten gesellschaftlichen Gruppen - wie Muslimen oder Rechten - zuzuschreiben. "Antisemitismus zeigt sich überall. Er ist ein gesamtgesellschaftliches Problem." Zum neuen Schuljahr steht Lehrern eine neue Handreichung zur Verfügung, die ihnen Informationen für den Umgang mit Antisemitismus gibt.

Seit April 2018 müssen alle öffentlichen Schulen im Südwesten Vorfälle an die Aufsichtsbehörden leiten, die antisemitisch oder anderweitig religiös oder ethnisch begründet sind. 27 Schulen haben seitdem Vorfälle an die Kultusverwaltung gemeldet. Darunter seien Hakenkreuz-Schmierereien und antisemitische Äußerungen gewesen, teilte eine Sprecherin von Eisenmann mit. Auch seien antisemitische Verschwörungstheorien in sozialen Medien verbreitet worden. Eisenmann erklärte, die meisten gemeldeten Vorfälle hätten sich an Gymnasien zugetragen. Antisemitismus gebe es eben auch im Bildungsbürgertum.

Antisemitismus könne auch subtil sein, etwa dann, wenn dem Staat Israel das Existenzrecht abgesprochen werde. Bei Antisemitismus sei jeder in der Gesellschaft gefordert einzuschreiten. "Wir dürfen weder wegsehen noch weghören", sagte Eisenmann, die auch designierte Spitzenkandidatin der CDU für die Landtagswahl 2021 ist.

Der Beauftragte der Landesregierung gegen Antisemitismus, Michael Blume, berichtete von einem Fall aus dem Jahr 2017 im Südwesten, bei dem ein Schüler nach massivem Mobbing die Schule gewechselt habe. Die Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg, Barbara Traub, verwies darauf, dass die öffentlichen Schulen im Südwesten sehr von den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde geschätzt würden. Aber auch sie berichtete von verbalen Beschimpfungen und Mobbing im Internet. Immer wieder müssten sich Schüler beim Nahostkonflikt für die Politik des Staates Israel rechtfertigen.

Das hat auch Boris Karasik erlebt: Der heute 20-Jährige kam im Alter von 6 Jahren von Russland nach Deutschland. Er war auf drei verschiedenen Schulen - und immer der einzige Jude. "Dann ist man so "Der Jude", was nicht ganz angenehm ist", sagt der Student, der heute in Mannheim lebt. Anfangs habe er mit sarkastischen Kommentaren auf verbale Angriffe reagiert, "was kontraproduktiv war". Er berichtet aber auch von einem Vorfall, nach dem sich seine Klasse schützend vor ihn gestellt habe. "Da musste ich selber nicht mehr viel machen, was ganz schön war." Karasik geht für das Projekt Likrat in Schulen und stellt sich dort den Fragen der Jugendlichen. "Antisemitismus kommt ja auch oft durch Unwissenheit oder fehlende Bildung", sagt er.

Nach Blumes Einschätzung tauchen judenfeindliche Inhalte relativ häufig in WhatsApp-Gruppen auf, etwa in Form von Witzen oder Sätzen wie "Dich sollte man vergasen". Vereinzelt erklärten jüdische Schüler, dass sie nicht am jüdischen Religionsunterricht teilnehmen wollten mit der Begründung, sich nicht für jedermann sichtbar als Jude outen zu wollen. Auch berichteten jüdische Schüler von der unter Gleichaltrigen verbreiteten, falschen Vermutung, Juden müssten in Deutschland keine Steuern zahlen. "Und wir haben natürlich immer wieder Hakenkreuz-Schmierereien an Schulen", sagte Blume.

Blume begrüßte die Meldepflicht für Schulen nach antisemitischen Vorfällen. Das Kultusministerium nimmt dann Kontakt mit der betroffenen Schule auf, um eine Lösung zu finden. Er regte die Einrichtung einer Anlaufstelle gegen Antisemitismus beim Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) an. Auch forderte er eine bessere Fortbildung von Lehrern, aber auch von anderen Mitarbeitern der Landesverwaltung. Eisenmann zeigte sich offen für die Vorschläge.

In Baden-Württemberg gibt es 18 jüdische Synagogengemeinden mit rund 9000 Gemeindemitgliedern. Dazu kommen Juden, die nicht Mitglied einer Gemeinde sind. (dpa/lsw)