Politik

Analyse Russlands Präsident Wladimir Putin und sein amerikanischer Amtskollege kommen zu ihrem ersten offiziellen bilateralen Treffen zusammen

Die EU als Zaungast in Helsinki

MOSKAU.Nach dem russischen Fußball-Fest, das das Land, zumindest einige große Städte des Landes, internationalisiert hat, erscheint das Treffen des russischen Präsidenten Wladimir Putin mit seinem amerikanischen Amtskollegen Donald Trump – aus russischer Sicht – nur folgerichtig. Für die Männer, die sich einmal als Partner, dann als Konkurrenten bezeichnen, wird es das dritte gemeinsame Treffen sein, aber das erste formal bilaterale. Inhaltlich geht es um viel, in erster Linie aber setzen Putin und Trump in Helsinki auf einen persönlichen Draht.

Trumps Vorgänger Barack Obama hatte Russland noch als „Regionalmacht“ bezeichnet, ein Affront gegen den Kreml. Die Beziehungen, so hofften die russischen Politstrategen, würden sich unter Trump wieder verbessern. Wie auch immer die Russen ihre Finger im amerikanischen Wahlkampf gehabt haben sollen, verflog die Freude über den vermeintlich Gleichgesinnten in Washington, der nichts anderes will, als die Weltordnung einer Revision zu unterziehen, in Moskau jedoch sehr schnell. Denn auch die Welt hat sich seit Obama verändert.

Russland sucht einen Ausweg aus der selbst geschaffenen Isolation und trifft sich, um das zu erreichen, nun mit dem amerikanischen Präsidenten, der die Isolation seines Landes gerade vergrößert. Putin und Trump brauchen einander, die Europäische Union ist vor diesen Gesprächen zutiefst besorgt und bleibt in Helsinki doch nur Zaungast. Welchen Deal könnten die beiden, denen es stets um „Siege“ geht, am Montag präsentieren? Wird Trump mit einem unbedachten Satz die Krim als russisch anerkennen?

Ukraine als Konfliktpunkt

Wird Russland die Wahlmanipulation in den USA zugeben? Beides gilt als unwahrscheinlich, doch Unwahrscheinlichkeit ist kein Wert, mit dem man sowohl dem russischen als auch dem amerikanischen Präsidenten beikommt. Für Trump ist das Treffen eine Möglichkeit, allen zu zeigen, um wie viel besser er mit schwierigen Herrschern umgehen kann, als es Obama je imstande war. Putin betrachtet das Treffen als Rückkehr zum Politikalltag.

Zwischen ihnen steht Syrien, steht die Ukraine, steht die mutmaßliche russische Einmischung in den amerikanischen Wahlkampf, aber auch die Frage nach russischem Gas in Europa und nach den Abrüstungsverträgen. Bei all diesen Themen verfolgen Russland und die USA unterschiedliche Interessen. Verglichen mit dem Nato-Gipfel vor wenigen Tagen erscheinen die russisch-amerikanischen Gespräche allerdings als entspanntes Händeschütteln. Dass Trump in den Nato-Partnern lediglich Almosenempfänger sieht, hat er in Brüssel in seiner gewohnt krawalligen Art demonstriert. Die Achtung gegenüber Putin zieht er aus einem Verständnis von Geschäftsinteressen: Lieber sind ihm unabhängige Nicht-Freunde als Freunde, die vermeintlich von ihm abhängen.

Pokern um Sanktionen

Er erkennt keinen großen Wert in der EU. Er versteht nicht, warum Amerika die Ukraine beschützen sollte, die aus seiner Sicht nur deshalb leidet, weil sie ein Teil des Westens und der Nato sein wollte. Noch ein Almosenempfänger? Dass in Europa rechte politische Kräfte erstarken, macht ihm keine Sorgen, er gehört selbst zu solchen.

Putin setzt bei Treffen dieses Formats vor allem auf die innenpolitische Wirkung. Zwar sind 70 Prozent der Russen anti-amerikanisch eingestellt, doch auch sie hoffen auf einen wirtschaftlichen Aufschwung in ihrem Land. Mit Sanktionen ist dieser Aufschwung nicht zu haben. Mit seiner Mannschaft aus alternden, patriotischen „Silowiki“ (Armee- und Geheimdienstvertreter) und jungen, ihm loyalen Makro-Ökonomen steht Putin vor der großen Aufgabe, für ein Wirtschaftswachstum im Land zu sorgen. Dafür, so denkt Moskau, dürfe „der Westen“ nicht als antirussisch auftreten.

Da der Westen sich in Fragen der EU-Ausrichtung, Fragen nach dem Verhältnis zu den USA, nach Asylpolitik und Energieversorgung nicht einig ist, versucht der Kreml, diese Stimmung zu seinen Gunsten zu nutzen. Trump erscheint als idealer Gesprächspartner, da er der Feind eines Amerika ist, dessen Feind auch Russland ist. Doch auch den Russen ist bewusst, dass dieser Präsident kein Alleinherrscher ist, dass hinter ihm ein demokratischer Apparat steht, der sich an Verträge hält. Deshalb gehen die Russen ohne hohe Erwartungen in dieses Treffen. Mit konkreten Beschlüssen rechnet niemand, doch hier wie dort halten Politiker das Treffen für einen richtigen Schritt.

In ihrer Analyse verbindet die Russland-Korrespondentin Inna Hartwich Fakten mit ihrer persönlichen Meinung zum Thema.