Politik

Geschichte Berliner Jugendliche hissten in der Nacht zum 3. Oktober die Deutschlandfahnen am Reichstag / Zwei Teilnehmer erinnern sich

Die Hoffnungsträger der Einheitsnacht

Archivartikel

Berlin.Die Szene hat sich bei ihm eingebrannt. Die Menschenmassen, die die Absperrungen durchbrachen, der Fahnenmast mit der Deutschlandfahne, die sie gerade aufgezogen hatten, das Feuerwerk und die Sicherheitsbeamten, die hektisch riefen: „Rein mit euch, rein, rein, rein!“ 3. Oktober 1990, 00.00 Uhr und ein paar Sekunden. Die Einheit war vollbracht und Sven Armbrust in Gefahr. Denn die Massen – rund eine Million Menschen standen auf dem Platz der Republik in Berlin – drückten gegen die Absperrungen und begannen im Überschwang, sie zu durchbrechen.

Armbrust, heute 50 Jahre alt, erinnert sich, wie er zusammen mit den anderen Jugendlichen in Richtung des hell erleuchteten Reichstags rannte, auf dessen Balustrade die Staatsspitze stand, Bundespräsident Richard von Weizsäcker, Bundeskanzler Helmut Kohl und die anderen Ehrengäste. Dort war es sicher.

Der Berliner Landessportbund hatte 14 Jugendliche ausgesucht, aus verschiedenen Vereinen in Ost- und West-Berlin. Alle hatten weinrote Sakkos und weiße Rollkragenpullis an. Zehn trugen die Fahne, vier hissten sie. Zwei Mädchen aus Ost und West fädelten die Fahne ein, Armbrust und ein Ost-Berliner Junge zogen sie am 23 Meter hohen Holzmast hoch. Sie wurde als Hoffnungsträger der Einheit bezeichnet. Eines der Mädchen war Bettina Berg, mit 23 damals die Älteste. Sie kam wie Sven Armbrust aus dem Tanzsport. Sie erinnert sich noch „an diese Menschenmassen“. Die Sicherheitsleute seien absolut professionell gewesen, „aber es war schon eine brenzlige Situation“.

Zum „Wossi“ geworden

Die Fahne weht heute noch an der gleichen Stelle, wenn auch an einem neuen Mast. „Ich bin schon sehr stolz darauf, dabei gewesen zu sein“, sagt Armbrust. „Da haben Milliarden Menschen zugeguckt.“ Berg empfindet es ähnlich. Auch wenn sie nicht oft mehr daran denkt und auch selten darüber redet. „Das wissen nur ein paar meiner Freunde.“

Die Wiedervereinigung hat das Leben beider verändert. Das von Armbrust sogar fundamental. Er ist heute Chefarzt an einer Kinderklinik in Neubrandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, und mit einer Ostdeutschen verheiratet, die er in seiner Zeit am Krankenhaus in Greifswald kennenlernte. Das Paar hat zwei schulpflichtige Töchter. Greifswald war nach dem Studium seine erste Station als junger Arzt. „Plötzlich war der Osten für uns offen.“ Dass alle sich immer per Handschlag begrüßten, war für ihn neu. Aber er war offen gegenüber der neuen Umgebung. „Nach einem halben Jahr sagte eine Krankenschwester zu mir: Für einen Wessi sind sie ganz in Ordnung.“ Armbrust, gebürtig aus Herne, aufgewachsen in West-Berlin, ist jetzt ein „Wossi“ geworden, wie man im Osten zu Leuten sagt, die den Osten nicht nur verstehen, sondern irgendwie auch mögen. „Ohne die Einheit wäre mein Leben anders verlaufen“, resümiert er. Neubrandenburg ist jetzt seine Heimat.

Bettina Berg ist in Berlin-Charlottenburg geblieben, in ihrer Heimat. Sogar im selben Haus. Und in den Urlaub fährt sie wie vor der Wende weiter am liebsten in die Alpen oder an die Nordsee. „Da gefiel es uns immer, und warum sollten wir das ändern?“ Aber auch ihr Leben ist ganz anders geworden. Sie ist selbstständige Handelsvertreterin für Papeterie- und Geschenkartikel. Früher bestand ihre Welt nur aus West-Berlin. Jetzt ist es nicht nur ganz Berlin, sondern der ganze Osten. „Plötzlich waren wir keine Insel mehr.“ Viele tausend Kilometer legt Berg jährlich mit dem Auto zurück. „Aus heutiger Sicht ist eigentlich unfassbar, wie eingeschlossen wir in Berlin waren.“

Große Erfolgsgeschichte

Große Unterschiede zwischen Ost- und West hat sie bei ihren Kunden nicht ausgemacht. Nur einmal wurde es unangenehm. In Rostock fragte ein Händler, woher sie denn komme. „Berlin“, antwortete sie. „Ost oder West?“, hakte der Händler nach. Als sie „West“ sagte, hörte sie nur noch ein „Raus hier!“ Das ist Jahre her und geschah zu einer Zeit, als viele, so Berg, „nicht gerade tolle Erfahrungen“ mit den Wessis gemacht hatten. Sie versteht die Frustrationen. Armbrust hat in Neubrandenburg auch so seine Begegnungen. Er mag die „Jammerossis“ nicht, solche, die nur klagen. Aber auch die „Besserwessis“ kommen bei Armbrust nicht gut weg. Er erinnert sich an Beamte aus den alten Ländern, die sich in den Nachwendejahren wie Kolonialherren aufführten. Der Westen habe „so etwas wie die Anerkennung der Lebensleistung der Ostdeutschen“ verpasst, sagt der Kinderarzt. Manchmal, wenn gegen die Einheit gemotzt wird, geht er dazwischen. Man solle nicht immer an den Kleinigkeiten, die vielleicht noch nicht rundlaufen, herumkritteln, ist seine Meinung. Sondern die große Erfolgsgeschichte sehen.

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