Politik

Bundeswehr Ministerin Ursula von der Leyen benennt Kaserne in Hannover um – und bricht mit alten Traditionen

Die neuen Helden der Armee

Archivartikel

Hannover.Ursula von der Leyen steht vor dem Appellplatz der Emmich-Cambrai-Kaserne am Rednerpult. Hunderte Soldaten haben sich vor ihr aufgereiht. Vor vier Tagen erst, da habe sie das deutsche Feldlager in Afghanistan besucht, berichtet die Verteidigungsministerin. Da sei sie auch zur Gedenktafel für den Feldjäger Tobias Lagenstein gegangen, eine „schlichte Platte“, umringt mit Andenken von Kameraden. „Es war ein eindrücklicher, ein bewegender Moment, die Tafel im Schein der Fackeln zu sehen.“ Der Name Lagenstein steht künftig nicht mehr nur Tausende Kilometer entfernt auf einer Gedenktafel am Hindukusch, sondern auch großflächig an der Einfahrt zur Hannoveraner Kaserne.

Die Feldjäger-Schule heißt nun Hauptfeldwebel-Lagenstein-Kaserne. Erstmals in der Geschichte der Bundeswehr trägt eine Kaserne den Namen eines in einem Auslandseinsatz getöteten Bundeswehrsoldaten. Der frühere Namensgeber Otto von Emmich war ein preußischer General im Ersten Weltkrieg, seine Rolle beim deutschen Einmarsch in Belgien ist umstritten. Tobias Lagenstein war ein in Hannover stationierter Feldjäger, der 2011 bei einem Anschlag in Afghanistan starb.

Der Fall Franco A.

Bei der Zeremonie geht es um mehr als um die Umbenennung einer Liegenschaft. Von der Leyen will ein Zeichen setzen im Umgang der Truppe mit der schwierigen deutschen Vergangenheit. Deshalb kommt die CDU-Politikerin selbst nach Hannover. Und deshalb unterzeichnet sie in eben jener Kaserne den neuen Traditionserlass der Bundeswehr. Der Erlass regelt, auf wen und was deutsche Soldaten stolz sein dürfen und welche Fahnen und Bilder sie sich in die Stube hängen dürfen. Denn Vorbilder und Traditionen sind wichtig im Militär. Junge Soldaten hätten teils das Bild des Kämpfers vor Augen, sagt Dirk Waldau, der Kommandeur der Feldjäger-Schule. Sie suchten sich mitunter Vorbilder aus Phasen, wo das „Handwerk“ auch ausgeübt wurde. „Das ist natürlich ein Irrweg.“

Die Richtlinien wurden seit 1982 nicht mehr geändert. Damals stand die Bundeswehr an der Front des Kalten Kriegs. Seitdem ist viel passiert. Die Wehrpflicht gibt es nicht mehr, dafür eine Truppe mit mehr als einem Dutzend Einsätzen in aller Welt. Der alte Erlass war überholt.

Doch das war nicht der eigentliche Anlass für die Überarbeitung. Vor knapp einem Jahr erschüttert der Fall Franco A. die Bundeswehr. Der rechtsextreme Oberleutnant soll sich als Flüchtling getarnt und gemeinsam mit Kameraden Anschläge geplant haben. Der Skandal löst eine Debatte über Hakenkreuze, Landser-Bilder und Wehrmachtsfotos aus. Generalinspekteur Volker Wieker spricht jetzt von einem „Augenöffner für uns alle“.

Die Truppe begibt sich mit dem Fall Franco A. auf Sinnsuche. Und die Verteidigungsministerin zieht alle Register. Sie lässt Meldeketten überprüfen, veranstaltet Workshops, lässt sogar bundesweit alle Kasernen nach Wehrmachtsandenken durchsuchen. Die CDU-Politikerin wirft ihrer Truppe ein „Haltungsproblem“ vor. Sie entschuldigt sich im Nachhinein zwar mehrfach dafür, doch viele Soldaten nehmen ihr das nach wie vor übel. Von der Leyen gerät unter Druck wie nie zuvor. Gerade in die zweite Amtszeit gestartet, will sie mit dem Appell in Hannover einen Schlussstrich unter die schwierige Debatte ziehen.

Keine radikale Neufassung

Der Fall Franco A. hat gezeigt, wie schwer sich die Bundeswehr mit den Traditionen tut. Von der Leyen will mit dem Erlass Orientierung geben. Die Bundeswehr soll ihre Helden künftig in ihren eigenen Reihen und in ihrer mehr als 60 Jahre alten Geschichte suchen. „Auf diese Geschichte darf die Bundeswehr unendlich stolz sein“, sagt sie. Die Wehrmacht und die Nationale Volksarmee der DDR als Institutionen könnten keine Tradition stiften.

Der Erlass ist keine radikale Neufassung, er bricht nicht ganz mit der Wehrmachtszeit. Es komme auf den Einzelfall an, auf vorbildliche Leistungen, auf die Frage der persönlichen Schuld, heißt es in dem Papier. Der Name Lagenstein steht für den Traditionswechsel der Truppe.

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