Politik

Nachruf Der ehemalige US-Präsident George H.W. Bush ist im Alter von 94 Jahren in Texas gestorben / Ohne den Republikaner wäre die Deutsche Einheit kaum möglich gewesen

„Die Politik besaß unter ihm eine gewisse Höflichkeit“

Kaum einem US-Präsidenten haben die Deutschen so viel zu verdanken wie George H. W. Bush. Nun starb der Politiker am Freitagabend im Alter von 94 Jahren in seinem Haus in Houston. Bush machte die deutsche Einheit möglich und gestaltete den weltpolitischen Umbruch nach dem Kalten Krieg.

George H. W. Bushs letzter großer Auftritt am 5. Februar 2017 geriet noch einmal zu einem Symbol seiner Zähigkeit. Gerade erholt von einer schweren Lungenentzündung, ließ sich der 41. US-Präsident die Ehre nicht nehmen, die Münze für das „Super Bowl“-Finale zu werfen. Unter dem Applaus von mehr als 70 000 Football-Fans im Stadion von Houston kam der damals 92-jährige im Rollstuhl auf das Feld – wenige Tage nach der Entlassung aus der Intensivstation.

Dazu passt die Geschichte zu seinem 80. Geburtstag – damals sprang Bush im Fallschirm über Houston ab. So stellte sich der Weltkriegsveteran seinen Seniorengeburtstag vor. Damit bekräftigte Bush sein Image als Haudegen, das die US-Amerikaner an ihm schätzten.

Geschickte Umsicht

Auch die Deutschen wissen, was sie dem Mut des „Präsidenten der deutschen Einheit“ zu verdanken haben. Als der Wind des Wandels wehte, zögerte Bush keinen Moment. Entschlossen nutzte er die Chance des Mauerfalls. Aber er tat es nicht mit Kraftmeierei, sondern mit Umsicht. Denn als am 9. November 1989 die ersten Meldungen aus Berlin im Weißen Haus eintrafen, übte Bush Zurückhaltung. Der damalige Führer der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, hielt sich ebenfalls zurück und wirkte damit deeskalierend auf die Lage in der DDR ein.

Wie das Nachrichtenmagazin „Newsweek“ berichtete, lag dem umsichtigen Vorgehen ein Abkommen Gorbatschows zugrunde, das bis heute unter Verschluss ist. „Newsweek“ zufolge soll darin der Reformer Gorbatschow in Moskau Bush gebeten haben, Provokationen in Berlin zu unterlassen, um ein eventuelles Blutbad auszuschließen. Sein besonnenes Verhalten bescherte Bush senior Gorbatschows Vertrauen. Das zahlte sich dann bei den sogenannten Zwei-plus-vier-Verhandlungen zur deutschen Wiedervereinigung aus, in denen der US-Präsident in den Sitzungen mit den Staatschefs der Sowjetunion, Frankreichs, Großbritanniens und der BRD sowie der DDR von Anfang für eine deutsche Selbstbestimmung plädierte. Nach der Vereinigung 1990 gratulierte er „allen Deutschen im Osten wie im Westen und im so lange geteilten Berlin, dass es Ihnen gelungen ist, Ihren Traum von der nationalen Selbstbestimmung für immer am Leben zu halten“. Der eigentliche Coup: Bush gelang es zudem, das vereinte Deutschland im Militärbündnis der Nato zu halten.

Soldat in der Marine

War das politische Wirken Bushs bei der deutschen Einheit eher von Zurückhaltung und taktischem Vorgehen geprägt, hatte Bush als junger Marineflieger im Zweiten Weltkrieg eine eher tollkühne Seite gezeigt. Mit 18 Jahren meldete er sich 1942 freiwillig zur Marine. Noch im selben Jahr wurde er über dem Südpazifik abgeschossen. Seine Kameraden kamen ums Leben. Bush überlebte dank des Zufalls, dass nahe der Absturzstelle ein US-amerikanisches U-Boot patrouillierte. Von der Bergung des Schwimmers gibt es Aufnahmen – seitdem galt er als Held. Politik lag ihm schon bei seiner Geburt am 12. Juni 1924 in der Wiege. George Herbert Walker Bush kam als Sohn des späteren Senators von Connecticut, Prescott Bush, zur Welt. Vater wie Mutter Bush entstammten dem politischen Ostküsten-Adel.

Auch Bushs Ehefrau Barbara, die er 1945 heiratete und mit der er sechs Kinder großzog, konnte politische Wurzeln vorweisen. Die am 17. April 2018 gestorbene Barbara Bush war direkte Nachfahrin des 14. US-Präsidenten, Franklin Pierce. George H. W. Bushs politische Karriere begann im Jahr 1962 als Vorsitzender der Republikanischen Partei im texanischen Harris County. Mit Unterstützung von US-Präsident Richard Nixon trat er 1966 als Kandidat für den US-Kongress in einem Wahlbezirk von Houston an. Nach fünf Jahren im Repräsentantenhaus wechselte er 1971 als Botschafter der USA an den Sitz der Vereinten Nationen in New York.

Vize von Ronald Reagan

Mitte der 1970er Jahre nahm der in Yale ausgebildete Ökonom den Posten als erster Botschafter der USA in der Volksrepublik China an. Einen Job, den er sehr bald gegen den an der Spitze des US-Auslandsgeheimdiensts CIA eintauschte. 1980 trat er erstmals in einem Rennen um die republikanische Präsidentschaftskandidatur an. Gegen das Charisma des ehemaligen Schauspielers und Gouverneurs von Kalifornien, Ronald Reagan, war er chancenlos.

Doch Reagan machte ihn zu seinem Vize. Zwei Legislaturperioden (1980-1988) stand Bush loyal hinter dem populären Präsidenten Reagan. Als Reagan im März 1981 bei einem Attentat schwer verletzt wurde, weigerte sich Bush, ihn vorübergehend für amtsunfähig erklären zu lassen. Was Reagan so beeindruckte, dass er ihn fortan regelmäßig konsultierte und mit ihm jede Woche im Weißen Haus zu Mittag aß.

1988 wollte Bush es noch einmal wissen. Diesmal setzte er sich in seiner Partei durch und deklassierte später den Demokraten Michael Dukakis. Ihm gelang damit das seltene Kunststück, drei Amtszeiten im Weißen Haus hintereinander für dieselbe Partei zu wirken. Seine Vereidigung am 20. Januar 1989 fiel auch insofern aus dem Rahmen, als Bush zu den Ausnahmen gehörte, die außenpolitische Erfahrung und Kompetenz mit ins Amt brachten. In seiner Rede auf den Stufen des Capitols prophezeite er den totalitären kommunistischen Systemen ihr nahes Ende. Sie würden „hinwegwehen wie die Blätter an einem leblosen Baum“.

Ohne Scheu vor Krieg

Bush senior, wie er seit der Präsidentschaft seines Sohnes George Walker Bush genannt wurde, scheute trotz seiner Kriegserfahrung und seiner Präferenz für die Diplomatie nicht vor dem Einsatz der mächtigen Streitmacht der USA zurück. Vor allem dann nicht, wenn es um die Durchsetzung und Behauptung internationaler Normen ging.

So befahl er die Amtsenthebung des korrupten Diktators von Panama, Manuel Noriega, den Invasionstruppen 1990 verhafteten. Und er schmiedete unter dem Dach der Vereinten Nationen eine Koalition gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein, der das Nachbarland Kuwait besetzt hatte. Zahlreiche arabische Staaten kämpften im ersten Irak-Krieg (1991) an der Seite der USA für die Befreiung Kuwaits.

Bush entschied sich im Februar 1991, nicht über das Ziel der UN-Resolution 678 hinauszugehen. Er beendete den Krieg und ließ Saddam an der Macht. „Dies ist ein Sieg für die Vereinten Nationen, für die gesamte Menschheit und das Völkerrecht“, verkündete Bush.

Gegen Bill Clinton verloren

Trotz des erfolgreichen Kriegs gegen den Irak verlor Bush senior die nächste Präsidentschaftswahl 1992 gegen Bill Clinton. Zum Verhängnis geriet ihm das Versprechen, während seiner Amtszeit nicht die Steuern anzuheben. Das auf dem Nominierungsparteitag leidenschaftlich vorgetragene „Read my lips: No new taxes“ (Lest meine Lippen: Keine neuen Steuern) kam wie ein Bumerang zurück, als er Steuererhöhungen nicht verhinderte. Obwohl Bush bei seinen Landsleuten außenpolitisch Anerkennung fand, interessierten sich die US-Amerikaner nach dem Ende des Kalten Krieges eher für die Probleme daheim. Die Wirtschaft kriselte Anfang der 1990er Jahre. Herausforderer Clinton verstand das, machte die Konjunktur zum Zentrum des Wahlkampfs – und siegte. Enttäuscht zog sich Bush in den Ruhestand zurück. Später verfolgte er die Politik seines Sohnes mit wachsender Besorgnis. Der machte die Fehler, die der Vater im Irak vermieden hatte. Besonders störte den Transatlantiker Bush senior, wie der Junior Verbündete mit seinen Alleingängen ein ums andere Mal vor den Kopf stieß.

Den vielleicht wichtigsten Vertreter der Bush-Dynastie schmerzte ganz besonders, wie Sohn Jeb bei den Präsidentschaftswahlen 2016 unter die Räder geriet. Nicht nur deshalb empfindet er eine ausgeprägte Antipathie gegen Donald Trump, dessen Wahl die „Ära Bush“, die Zeit der Politiker aus der Familie Bush, nachhaltig beendete.

Im Gegensatz zu Trumps „Amerika zuerst“-Nationalismus erscheint Bushs Stil heute als überlegt. Der ehemalige Sprecher des nationalen Sicherheitsrats, Roman Popadiuk, sagt, der ehemalige US-Präsident habe sein Gegenüber stets mit Respekt behandelt. „Die Politik besaß unter ihm eine gewisse Höflichkeit.“

Sein Nachfolger im Weißen Haus, der Demokrat Bill Clinton, schätzt genau das an ihm. Während der späteren Amtszeit Barack Obamas entwickelten die beiden Ex-Präsidenten Bush und Clinton eine echte Freundschaft. Er war „weniger extrem in der Sache, weniger hart in der Rhetorik, offener für vernünftige Kompromisse“, lobt Clinton den prinzipienfesten Realpolitiker. Mit dem Tod George Herbert Walker Bushs verabschiedet sich nicht nur ein zäher Kämpfer für die Freiheit, der Deutschlands und Europas Einheit möglich machte. Es tritt einer der letzten Vertreter einer Generation von Republikanern ab, die unter Konservatismus etwas anderes verstanden als der jetzige Amtsinhaber.

Info: Fotostrecke unter: morgenweb.de/politik

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