Politik

Energie II Heute vor acht Jahren verursacht ein Erdbeben die Atom-Katastrophe im japanischen Fukushima / Deutschland ändert Politik

„Die Regierung sollte sich schämen“

Fukushima.Wer von Fukushima hört, dieser einst idyllischen Kornkammer Japans, denkt heute meist nur an eines: Radioaktivität. Acht Jahre sind vergangen, seit am 11. März 2011 ein schweres Erdbeben und ein gewaltiger Tsunami den Nordosten des Inselreiches heimsuchten. Mehr als 20 000 Menschen starben. Zum Sinnbild von „3/11“ aber wurde der Super-Gau im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi, auch wenn dadurch niemand direkt ums Leben kam.

Eine Folge war, dass die Akzeptanz für Atomkraft auch in Deutschland drastisch nach unten ging. Die Koalition aus Union und FDP kündigte ein rasches Ende der Atomenergie an – nach dem sie erst einige Zeit zuvor den unter Rot-Grün ausgehandelten Atomausstieg kassiert hatte. In Japan versucht der Staat acht Jahre nach dem Unglück, den Eindruck von Normalität zu vermitteln. Der Wiederaufbau komme voran, die Lage in der Atomruine sei unter Kontrolle.

Zweifel an staatlichen Berichten

Man erlaubt Bewohnern einstiger Sperrzonen die Rückkehr in ihre Häuser, lockt ausländische Touristen an und wirbt kräftig für die Olympischen Spiele 2020, die die Erholung der Region zur Schau stellen sollen. Sicher, das Leben geht auch für die Menschen in der Unglücksregion weiter. Und doch ist nichts mehr so, wie es einmal war. Bei allen Fortschritten, allen Bemühungen, aller Hoffnung, sind viele doch weiter mit Sorge und Zweifel erfüllt. In ihren Berichten an die Vereinten Nationen stelle die japanische Regierung das Ausmaß, die Komplexität und die Strahlungsrisiken in Gebieten von Fukushima sowie die Arbeitsbedingungen für Arbeiter „absichtlich falsch dar“, beklagt Kazue Suzuki von Greenpeace Japan. Zudem missachte der Staat die Gesundheit und das Wohlergehen von Kindern. „Die Regierung sollte sich schämen“, meint Suzuki und fordert die Verantwortlichen in Tokio auf, ihre Politik radikal zu ändern. Nach einer neuen Untersuchung der Umweltschutzorganisation stellen Strahlenwerte sowohl in der Sperrzone um die Atomruine als auch in Gebieten der Gemeinden Namie und Iitate, wo die Evakuierungsbefehle aufgehoben wurden, ein „signifikantes Risiko für die Öffentlichkeit, einschließlich Kindern dar“. Das Strahlenniveau liege um das Fünf- bis mehr als 100-fache über dem empfohlenen Maximum.

Nur 23 Prozent der Bewohner von neun Gemeinden der Provinz Fukushima, die einst nach der Katastrophe zur Gefahrenzone erklärt worden waren, sind bislang dem Aufruf zur Rückkehr gefolgt. Rund 160 000 Menschen wurden damals in Sicherheit gebracht. Acht Jahre danach leben mehr als 32 000 von ihnen in anderen Provinzen.