Politik

Medien Demokratie und Miteinander sind angewiesen auf Qualitätsjournalismus, der nah an der Lebenswelt der Menschen ist

Die regionale Tageszeitung – „Kitt für die Gesellschaft“

Mannheim.Die große Welt ins Wohnzimmer bringen und sie den Bürgern erklären – das bleibt, Social Media hin, Online-Portale her – die zentrale Aufgabe von Tageszeitungen und ihren Machern. Ausgebildete und erfahrene Journalisten erklären, was in Berlin und Brüssel diskutiert wird, sie informieren nicht nur darüber, was in Venezuela und Algerien passiert, sondern erklären im besten Fall auch, warum man das wissen muss. Dies alles sehe und lese ich in meiner Zeitung täglich.

Wenn ich meine Zeitung aufschlage – und ich tue das ganz klassisch noch jeden Tag, wenn ich zu Hause in Heidelberg bin –, dann ist für mich am wichtigsten: Was passiert bei uns, hier zu Hause, in der Region? Was wird in Boxberg geplant, was findet in Schlierbach statt, den Heidelberger Stadtteilen?

Wir Menschen funktionieren so. Wir wissen, dass wichtig ist, was in der Welt passiert, aber wirklich bewegen wird uns, was in unserem Ort los ist – denn hier wohnen unsere Freunde, da sind wir im Verein, da kennen wir die Läden, in denen schon unsere Eltern mit uns einkaufen waren. Was bei uns passiert, steht daher auf unserer Leseliste ganz oben.

Vermittler im Diskurs

Und das geht mir nicht nur persönlich so, sondern das ist mir auch als Unternehmer aus der Region wichtig. Mein Vater hat unser Unternehmen in Heidelberg gegründet, ich selber wurde hier geboren, unsere Mitarbeiter leben hier, sie sind im Schützenverein oder der Freiwilligen Feuerwehr engagiert oder gestalten Lokalpolitik an der Basis mit. Und natürlich ist es nicht nur wichtig zu wissen, es ist auch spannend zu lesen, wenn es jemand in die Zeitung geschafft hat, den man kennt und schätzt. In diesem Sinne sind die Regionalzeitungen Vermittler im gesellschaftlichen Diskurs zwischen der großen, weiten Welt und dem Vereinslokal an der Ecke. Sie sind im besten Sinne Kitt für die Gesellschaft. Sie sind unverzichtbar, wenn es darum geht zu erklären, was das eine mit dem anderen zu tun hat und wie es unser Leben und unser Wohlergehen beeinflusst.

Das gilt genauso für die Wirtschaft. Unser Unternehmen zum Beispiel produziert vor Ort in der Region, aber wir sind weltweit tätig. Wie hängt das zusammen? Welche Wechselwirkungen gibt es? Ist gar mein Arbeitsplatz betroffen, wenn der Brexit kommt und die weltweiten Handelskonflikte nicht schnell gelöst werden? All dies muss in der Öffentlichkeit immer wieder sachlich erklärt und transparent gemacht werden, insbesondere wenn es um grundlegende Veränderungen wie Strukturwandel und Digitalisierung geht, wie wir sie aktuell in der Metall- und Elektro-Industrie-Branche erleben. Was steht hinter diesen Vokabeln, was bedeutet das für den Alltag der Menschen? Wir Unternehmer müssen das erklären – aber auch hier brauchen wir die Medien, die die Menschen erreichen.

Dafür braucht es die Tageszeitung, gemacht von Journalisten, die ihr Handwerkszeug verstehen, ihre Berufsethik ernstnehmen und die mit gut recherchierten und sachlich aufbereiteten Analysen, Berichten und Reportagen den Menschen erklären, was in der Welt passiert und was das mit ihnen zu tun hat. Es braucht erfahrene Journalisten, die etwas Wichtiges von Unwichtigem trennen können, auch wenn ich nicht immer einer Meinung mit der Redaktion bin, was in welche Kategorie fällt. Dies kann ein YouTube-Kanal, Twitter oder Facebook nicht ersetzen.

Nah am Bürger

Und was für den Bürger gilt, trifft natürlich auch auf politische Entscheidungsträger zu. Sie müssen mit den Bürgern diskutieren und ihre Stimmungslage einschätzen können. Dies erfahren sie am besten aus der Zeitung vor Ort, weil sie wissen, dass gute Journalisten immer nah am Bürger sind.

Den Strukturwandel, den meine Branche durchläuft, kennen die Medien bereits. Die Leserschaft ist heute nicht mehr so homogen wie noch vor 20, 30 Jahren. Viele junge Menschen lesen gar keine Zeitung mehr, sondern sind nur noch online unterwegs. Ganze Anzeigenmärkte sind ihnen in die Online-Welt gefolgt. In der Folge hatten die Tageszeitungen einen schmerzhaften Auflagenrückgang zu verkraften, auch wenn in Deutschland immerhin noch eine Gesamtauflage von 14,1 Millionen Exemplaren zusammenkommt. Dabei haben die lokalen und regionalen Abozeitungen noch die treuesten Leser.

Alleinstellungsmerkmal Lokales

Trotz aller Herausforderungen, die die Verleger zu bewältigen haben, bin ich fest überzeugt davon, dass im Regionalen und Lokalen die Zukunft liegt. Ob das auf Papier oder in Bits & Bytes erfolgt, ist dabei nicht entscheidend – aber wer erzählt, was in der Region und im Stadtteil passiert, hat immer eine Zukunft.

Die elektronischen Medien und die Online-Plattformen können Nachrichten immer schneller als die Regionalzeitung an die Leserschaft bringen. Auch bunt, laut und schrill können andere besser bedienen. Aber das, was zu Hause passiert, mit dem Weltgeschehen zusammenzubringen und wirklich von hier für hier zu berichten – das ist das Alleinstellungsmerkmal der Regionalzeitung, und darin sind sie unverzichtbar: für mich, für die Gesellschaft, für das Miteinander und für die Demokratie.

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