Politik

Südamerika Venezolanische Flüchtlingskrise belastet Beziehungen zum Nachbarland Kolumbien

Ein Exodus mit Explosionsgefahr

Bogota.Schon die Botschaften unterscheiden sich dies- und jenseits der inzwischen legendären Grenzbrücke „Simón Bolívar“ im kolumbianischen Grenzstädtchen Cucuta fundamental. Auf venezolanischer Seite ermahnt ein Plakat zur Disziplinierung: Hier wird nicht schlecht über den verstorbenen Ex-Präsidenten Hugo Chávez geredet, steht dort zu lesen. Auf kolumbianischer Seite heißt es: „Willkommen, venezolanische Brüder und Schwestern!“

Frust und Enttäuschung

Respektiert werden die Aufforderungen auf beiden Seiten der kolumbianisch-venezolanischen Grenze nur noch halbherzig. Auf venezolanischer Seite ist die Wut über die erfolglose Planwirtschaft längst einem tiefen Frust gewichen. Zuletzt strömten jeden Tag Tausende vom Chávismus enttäuschte Venezolaner nach Kolumbien, im ganzen Land kam es aufgrund der katastrophalen Versorgungs- und Sicherheitslage zu Massenprotesten, und gelegentlich wurde auch einmal eine Statue des Revolutionsführers verbrannt. Innerhalb nur eines Jahres hat sich die Zahl der offiziell in Kolumbien lebenden Venezolaner auf 550 000 erhöht, wie viele sich ohne gültige Aufenthaltspapiere im Land aufhalten, ist kaum zu schätzen.

In Kolumbien ist die anfangs aus Solidarität mit den Venezolanern entflammte Willkommenskultur gegenüber den Sozialismus-Flüchtlingen vielerorts Geschichte. Es kommt zu Protesten und zu fremdenfeindlichen Ausschreitungen, die kolumbianische Tageszeitung „El Tiempo“ schrieb: „Kolumbien schafft es nicht allein.“ Und wieder im Bild: die legendäre Brücke „Simón Bolívar“, die so etwas wie der Blutdruckmesser der Beziehungen zwischen beiden Ländern geworden ist. Mal ist sie gesperrt, dann wieder geöffnet.

Bislang hat der Rest der Welt die venezolanische Flüchtlingskrise ignoriert. Es sind vor allem kirchliche Organisationen, deren freiwillige Helfer bis zum Rand der Erschöpfung arbeiten, um für die Migranten zumindest eine Lebensmittelversorgung sicherzustellen. Nichtregierungsorganisationen wie im Mittelmeer, die sich um die Flüchtlinge aus Afrika kümmern, gibt es in Kolumbien so gut wie keine. Cucutas Bischof Victor Ochoa schlug in der vergangenen Woche Alarm: „Jeden Tag kommen mehr Menschen.“

Auswirkungen auf den Wahlkampf

Inzwischen greift die Krise auch auf den Wahlkampf über. Dass in beiden Ländern Präsidentschaftswahlen anstehen, verschärft das politische Klima enorm. Venezuelas Präsident Nicolás Maduro rückte zuletzt seinen kolumbianischen Amtskollegen und Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos verbal in die Nähe von Abfall, weil dieser die international hoch umstrittenen und kurzfristig ausgerufenen Präsidentschaftswahlen in Venezuela wegen fehlender Transparenz nicht anerkennen will. Und in Kolumbien gießt der Rechtspopulist Alvaro Uribe Öl ins Feuer. Der immer noch enorm populäre Ex-Präsident (2002 bis 2010) forderte unverhohlen das venezolanische Militär zum Sturz Maduros auf. Das kolumbianische Militär wiederum warf der venezolanischen Regierung vor die im Land operierende linke Guerilla-Organisation ELN militärisch ebenso zu unterstützen wie bei ihren Terroranschlägen in Kolumbien.

Heftige Inflation

Inzwischen hat Kolumbien die Einreisebedingungen verschärft: Künftig dürfen nur noch Venezolaner die Grenze übertreten, die einen Reisepass oder eine „Grenzbewegungskarte“ vorweisen können. Beides dürfte schwierig werden: Wie so viele andere Dinge auch ist die Produktion von Reisepässen in Venezuela wegen Papiermangel zum Erliegen gekommen, die „Grenzbewegungskarte“ will Kolumbien erst einmal nicht mehr ausstellen. Diese war besonders bei venezolanischen „Tagelöhnern“ beliebt, die tagsüber nach Kolumbien reisten, um dort ein paar Pesos zu verdienen, mit denen sie im von einer Hyperinflation heimgesuchten Land zumindest Grundnahrungsmittel kaufen konnten. Kolumbiens Präsident Santos räumt ein, die Migration aus Venezuela sei außer Kontrolle geraten.