Politik

Union Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble könnte eine wichtige Rolle bei der Wahl des Parteivorsitzenden einnehmen

Ein Machtfaktor in der CDU

Archivartikel

Berlin.Ergreift Wolfgang Schäuble in den CDU-Gremien das Wort, dann hören alle genau hin. Denn es können Sätze fallen, die eine wuchtige Wirkung entfalten. So warnte Schäuble neulich dem Vernehmen nach, man müsse aufpassen, sich nicht zu zerlegen. „Der Nächste wird es nicht, wenn wir so weitermachen“, soll er mit Blick auf die Kanzlerschaft der Union gesagt haben. Das war zwar vor Corona und am Anfang des Kandidatenrennens um den CDU-Vorsitz. Aber die Warnung ist aktueller denn je.

Wochenlang tat sich virusbedingt nichts, mittlerweile wird der Kampf um den CDU-Vorsitz und damit um die Kanzlerkandidatur immer härter geführt. Es gibt Gerüchte, Spekulationen, Sticheleien. Sein Corona-Management hat CSU-Chef Markus Söder in den Umfragen nach vorn katapultiert, wenn es um die K-Frage geht; NRW-Ministerpräsident Armin Laschet hat das Nachsehen. Immer wieder wird getuschelt, dass es noch einen einvernehmlichen Tausch mit Gesundheitsminister Jens Spahn geben könnte, der dann nicht Vize, sondern anstelle Laschets Parteichef werden soll.

Förderer von Jens Spahn

Und auch Ex-Fraktionschef Friedrich Merz sowie der Außenpolitiker Norbert Röttgen buhlen im Kampf um den Chefsessel wieder kräftig um Aufmerksamkeit. Hinter verschlossen Türen appellierte die Noch-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer sogar schon an die Disziplin aller Beteiligten. Die graue Eminenz im Hintergrund ist Wolfgang Schäuble. Der 77-Jährige hat das Treiben verfolgt, und nun scheint der Bundestagspräsident zu der Erkenntnis gelangt zu sein, sich einschalten zu müssen.

Anders kann man es kaum deuten, dass Schäuble jetzt der „Zeit“ ein Doppelinterview mit Jens Spahn gegeben hat. Er habe den 40-Jährigen früh als herausragendes Talent in der CDU erkannt, so Schäuble. „Und er hat den Willen zur Macht.“ Das kann man getrost als Ritterschlag des Elder Statesman der Union bezeichnen. Schäuble hat Spahn ohnehin immer gefördert – er holte ihn als Staatssekretär ins Finanzministerium, als Kanzlerin Angela Merkel ihn noch nicht als Minister haben wollte. Zu oft hatte Spahn sie wegen ihrer Flüchtlingspolitik kritisiert. Am Ende konnte Merkel aber keinen Bogen mehr um ihn machen, die Partei wollte es so.

Erfahrener Stratege

Schäubles Wort hat Gewicht in der CDU. Er sagt nichts ohne Kalkül. So ist der Südbadener ein Meister darin, seine Botschaften zwischen den Zeilen zu setzen. Das Standing Schäubles in der Union ergibt sich aus seiner Vita – keiner sitzt länger im Bundestag; niemand hat so vielfältig gewirkt wie er. Schäuble war Kanzleramtschef, Innenminister und Finanzminister. Selbst als Bundeskanzler und als Bundespräsident war er im Gespräch.

Obwohl schon so lange im Geschäft, scheint Schäuble der Blick auf die politischen Realitäten noch nicht abhandengekommen zu sein. Man muss wissen: Vor zwei Jahren sprach er sich kurz vor dem CDU-Parteitag in Hamburg eindeutig für Friedrich Merz als neuen Vorsitzenden aus. In Merz sah Schäuble damals aber das richtige Zugpferd, um die Union aus der bleiernen Merkel-Phase zu befreien. Es gewann jedoch Kramp-Karrenbauer. Nun scheint Schäuble der Auffassung zu sein, dass wegen der Corona-Krise die Zeit über Merz hinweggegangen ist. Jedenfalls interpretieren viele das Doppelinterview mit Spahn als eine Absage an Merz. Ob dem so ist? Der nächste Wahlparteitag der CDU findet im Dezember statt. Wenn Corona es zulässt. Dann wird man auch wieder genau auf Schäuble achten.

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