Politik

Ein Mann, den das Schicksal nicht brechen konnte

Archivartikel

Joe Biden hat in seinem Leben schwere Schläge hinnehmen müssen: Erst sterben seine Frau und Tochter bei einem Autounfall, dann stirbt sein Sohn an einem Hirntumor. Den Lebensmut verlor der heute 77 Jahre alte Präsidentschaftskandidat trotzdem nie.

Marshalltown im Bundesstaat Iowa, der Abend des 26. Januar. Joe Biden sollte der Mann des Abends sein. Doch sein Auftritt wird überlagert: Basketball-Legende Kobe Bryant stürzt am gleichen Tag mit Tochter Gianna im Hubschrauber ab – die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer, Reporter jagen Twitternachrichten in ihre Smartphones. Joe Biden dringt nicht mehr durch. Wie so oft in der Frühphase der demokratischen Vorwahlen zur Präsidentschaftskandidatur hatte sein Auftritt die Wirkung eines Nerventonikums. Er war nicht in Form. Nicht vor Kamera und Mikrofon.

Als der Medienpulk genervt zum Ausgang strebt, nimmt Biden ein kleines Bad in der Menge, schüttelt Hände, flüstert Müttern und Kindern etwas ins Ohr, zeigt lächelnd die geweißten Zähne und legt zum Leidwesen der nervösen Secret-Service-Agenten Wildfremden die Hand auf die Schulter.

Als Kind gestottert

Plötzlich schiebt sich ein Rentner an den Politiker heran und sagt mit zittriger Stimme: „Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Meine Frau hat Krebs.“ Bidens Augen verengen sich zu kleinen Schießscharten. Nachdem er den Kloß im Hals heruntergeschluckt hat, fixiert der 77-Jährige sein Gegenüber und sagt vor aller Ohren: „Mann, ich weiß, wie sich das anfühlt. Es ist schrecklich. Aber irgendwann wird es besser, glauben Sie mir.“ Was sich wie ein hohler Kalenderspruch ausnimmt, wirkt Wunder. Der alte Mann hat Tränen in den Augen und bedankt sich.

Die kleine Szene charakterisiert wie unter dem Brennglas, warum in Amerika viele in Anlehnung an das Jiddische sagen: „Joe is a real Mensch.“ Ein „feiner“, ein „guter“, ein „anständiger“ Mensch. Womöglich liegt das an seiner bodenständigen französisch-irischen Herkunft: Seine ersten Lebensjahre verbrachte Biden, geboren am 20. November 1942, in Scranton/Pennsylvania. Sein Vater Joseph Robinette „Joe“ arbeitete als Autohändler. Mit vier Jahren fing Joe Biden jr. an zu stottern. Später zog die Familie um, Joe Biden wuchs mit seinen Brüdern James Brian und Francis W. sowie seiner Schwester Valerie in einer Vorstadt von Claymont in Delaware auf.

Viel gependelt

Dass Joseph Robinette Biden jr. seiner Umwelt mit einer doppelten Portion Empathie begegnet, hat wohl damit zu tun, dass er vom Schicksal Prüfsteine in den Lebensweg geknallt bekam, dass es für zehn reichen würde.

1966 heiratete Biden seine Highschool-Liebe Neilia Hunter. 1972, wenige Wochen nach seinem Einzug in den Senat von Washington, kamen seine Frau und die 13 Monate alte Tochter Naomi kurz vor Weihnachten bei einem Autounfall ums Leben. Seine Söhne Beau (3) und Hunter (2) überlebten schwer verletzt.

Jahrelang fuhr Biden („Mr. Amtrak“) in der Folge unter der Woche morgens und abends die 150 Kilometer zwischen seinem Heimatort Wilmington im Bundesstaat Delaware und Washington im Zug hin und her, um seine Söhne ins Bett zu bringen.

Mitgefühl und ehrliche Trauer

Seine zweite Frau Jill Biden, eine Lehrerin, heiratete er fünf Jahre nach der Tragödie. 1981 kam Tochter Ashley zur Welt. 1988 wurde er wegen eines Aneurysmas am Gehirn operiert. 2015 musste Biden seinen ältesten Sohn Beau, der Justizminister in Delaware war und US-Kriegseinsätze absolvierte, nach einem Gehirntumor zu Grabe tragen. Auf dem Totenbett nahm ihm der charismatische Jungpolitiker ein Versprechen ab: „Dad, du musst mir versprechen, dass es dir gut gehen wird.“

Zwischen all diesen Kapiteln brachte der siebenfache Großvater Joe Biden 47 Jahre im Senat, drei Präsidentschaftskandidaturen und acht Jahre Vizepräsidentschaft unter Barack Obama hinter sich – ohne den Lebensmut zu verlieren.

Der gläubige Katholik hat seine Dramen zu einer Botschaft mit Seltenheitswert kondensiert: Wenn die Nation leidet – ob nach dem 11. September 2001 oder jetzt in der Corona-Krise mit über 230 000 Toten – personifiziert Joe Biden Mitgefühl und ehrliche Trauer.

Netzwerke aufgebaut

Evan Osnos, Bidens Biograf, hält ihn nicht nur für bestens gerüstet, um das wund gerittene Land zu heilen. In seinem lesenswerten neuen Buch „Joe Biden. Ein Porträt“ attestiert Osnos dem, wenn es denn so kommt, ältesten Präsidenten in der Geschichte der Vereinigten Staaten die Fähigkeit, große Reformvorhaben anzustoßen, die an die Zeiten von Franklin Delano Roosevelt nach der Weltwirtschaftskrise von 1932 erinnern. Der Schlüssel zum Erfolg in einem Amerika, in dem Einheitsstifter keine Konjunktur haben, könnte aus Sicht von Wegbegleitern darin liegen, dass Biden wie kein Zweiter parteiübergreifende Netzwerke aufgebaut hat.

„Kann er sie mit praktischen Erfolgen nutzen, Stillstand überwinden und vergrätzte Wählergruppen durch geräuschlose Arbeit beeindrucken, wird Joe Biden eine große Präsidentschaft hinlegen“, sagte ein republikanischer Stratege unserer Zeitung. Erfolgschancen? „Joe würde sagen: Es kann nur besser werden.“

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