Politik

Porträt Finanzexperte Brinkhaus möchte mit Protestwählern ins Gespräch kommen / Kritischer gegen die eigene Regierung

Ein westfälischer Erneuerer

Archivartikel

Berlin.CDU-Politiker Ralph Brinkhaus ist zwar im Revoluzzerjahr 1968 in Rheda-Wiedenbrück geboren, aber er ist ein eher ungewöhnlicher Revolutionär. Der wohl selbst kaum an einen Sieg geglaubt hat und nun Kanzlerin Angela Merkel in arge Nöte bringt: Er hat einen Pfeiler ihrer Macht umgestürzt. Auf seinem Schreibtisch im Bundestagsbüro steht ein weißer Keramik-Geißbock. Der Westfale ist fest vom Wiederaufstieg seines 1. FC Köln überzeugt, er selbst spielt ab sofort in der obersten Liga der Politik.

Der bisherige Stellvertreter hatte die Kanzlerin und Unions-Fraktionschef Volker Kauder vorab über seine Kandidatur um den Fraktionsvorsitz im Bundestag informiert. Brinkhaus machte einen für Berlin ungewöhnlichen Wahlkampf – beim Treffen in seinem Büro vor der Wahl war ein in sich ruhender Mann zu erleben, der kein schlechtes Wort über Merkel und Kauder verlor. Sein Programm: Nach 13 Jahren Kauder brauche es neue Köpfe, Aufbruch, frischen Wind. Erstmals kam es in der Ära Merkel in der Unions-Fraktion im Bundestag zu einer Kampfkandidatur – Kauder war wie Merkel seit 13 Jahren im Amt und organisierte für sie verlässlich Mehrheiten für Regierungspläne.

Seit 1984 Parteimitglied

Brinkhaus wurde unterschätzt. Kauder wurde zum Blitzableiter für einigen Frust über die Kanzlerin. 30 Prozent schienen für Brinkhaus möglich. Als er nach dem Erdbeben in der Fraktion, seinem völlig überraschenden 125 zu 112 Stimmen-Sieg kurz vor die Kameras tritt, sagt der 50-Jährige trocken: „Jetzt geht es ganz schnell darum, wieder an die Arbeit zu kommen.“ Brinkhaus hat Wirtschaftswissenschaften studiert, machte seinen Wehrdienst bei den Panzerjägern im westfälischen Augustdorf und arbeitete als Steuerberater in Gütersloh. In die CDU kam er 1984 zu Schulzeiten über die Junge Union. Er ist seit 2009 im Bundestag. 2013 wurde er zum Fraktionsvize gewählt. Er ist kein Abnicker – er steht in Zeiten einer erstarkenden AfD für einen konservativen Kurs. Und mehr Selbstbewusstsein gegenüber Merkel und ihrer Regierung. Doch all die Merkel-Kritiker, die auf ihren Sturz lauern, müssen nun an der Fraktionsspitze, dem Machtzentrum beim Schmieden von Gesetzen, mit einem vorliebnehmen, der in all den machtarithmetischen Überlegungen für die Zukunft bis vor wenigen Wochen kaum eine Rolle spielte.

Aber was will Brinkhaus? Ihm geht es um Erneuerung – und mehr Sprechfähigkeit im Umgang mit an die AfD verlorenen Wählern. „Wir wollen einen neuen Anlauf, um mit jenen ins Gespräch zu kommen, die sich von uns abgewandt haben. Auch im Mittelstand haben wir zunehmend Protestwähler, um die wir uns stärker als bisher kümmern müssen.“ Er meint, man müsse stärker für den Zusammenhalt im Land kämpfen – aber nicht mit immer höheren Sozialleistungen. „Wir können die Gräben in der Gesellschaft nicht mit Haushaltsmitteln zuschütten.“