Politik

Frankreich Seit dem Mord an George Floyd wird auch in Frankreich über Polizeigewalt diskutiert / Für Franco ist das eine Scheindebatte – das Problem liege viel tiefer

Eine Brigade gegen die Negrophobie

Archivartikel

Paris.Trägt er sein schwarzes Aktivisten-Shirt, fällt Franco auf. Auf der Vorderseite zeigt es einen schwarzen Panther und die Aufschrift „Brigade gegen Negrophobie“. Auf der Rückseite wird die „Negrophobie“, der Hass auf Schwarze wie ihn, als „Massenvernichtungswaffe“ bezeichnet. „Bewaffnen wir uns bis an die Zähne, um sie zu bekämpfen!“, prangt darunter. Ein Aufruf, der in Kombination mit Francos muskulösen Armen einschüchtern könnte. Dabei sind die Waffen, die der 46-jährige Franzose meint, intellektuelle und rhetorische. Er nutzt sie in seinem Kampf gegen den Rassismus, den er als tief verwurzelt in der Gesellschaft in Frankreich– und nicht nur dort– bezeichnet.

Mit dem Namen seiner „Brigade“ und ihren martialischen Symbolen wollen er und seine Mitstreiter das tun, was sie lange Zeit nicht gewagt haben: provozieren, ihre Stimme erheben gegen Ungerechtigkeiten. „Wer hier mit schwarzer Hautfarbe aufwächst, dem wird früh eingetrichtert: Fall‘ bloß nicht unangenehm auf. Und wenn du etwas im Leben erreichen willst, musst du doppelt so hart arbeiten wie Weiße. So als sei es normal, sonst nur halb so viel zu bekommen.“

Vorbilder gefordert

Lange litt er unter einem Minderwertigkeitskomplex, sagt Franco, der als Sohn einer Mutter aus Guadeloupe und eines afrikanischen Vaters in einer Pariser Vorstadt aufwuchs. Vor 15 Jahren hat Franco seine „Brigade“ gegründet, deren Mitglieder bei Demonstrationen das schwarze Shirt mit dem Panther-Aufdruck tragen. Gerade nahmen sie an einer Gedenkveranstaltung für den Franko-Senegalesen Lamine Dieng teil, der 2007 im Alter von 25 Jahren bei einer brutalen Festnahme starb. Außerdem engagiert sich Franco in einem Verein, der Identitätskontrollen der Polizei, die nur auf der Hautfarbe einer Person gründen, bekämpft.

Der Mord an dem schwarzen US-Amerikaner George Floyd hat auch in Frankreich lebhafte Debatten ausgelöst. Schließlich brachte Innenminister Christophe Castaner die Polizisten gegen sich auf, indem er eine „Null-Toleranz-Linie“ ausgab und die Anwendung des Würgegriffs verbot. Franco könnte sich darüber freuen, dass das Thema auf den Tisch kommt, das auch mit der Vernachlässigung der überwiegend von Einwanderern besiedelten sozialen Brennpunkte in den Banlieues zusammenhängt. Doch für den Franzosen, der als Sozialarbeiter mit Jugendlichen aus den Vorstädten arbeitet, greift die Debatte viel zu kurz. „Die Polizei ist nur ein Körper ohne Gehirn“, sagt er. „Das Gehirn, das sie lenkt, ist der Staat.“ Dass George Floyd und viele andere Schwarze weltweit Opfer willkürlicher Gewalt wurden, sei die Folge von 150 Jahren Schulerziehung, in der der Kolonialismus und der Sklavenhandel stets gerechtfertigt wurden, sagt Franco. Ziel sei der Erhalt der bestehenden Ordnung, in der Weiße privilegiert und Schwarze unterdrückt werden. „Als ich klein war, identifizierte ich mich mit Tarzan, aber für die anderen Kinder war ich einer der Indianer, die brüllend herumlaufen.“ Es brauche positive schwarze Vorbilder und gleiche Chancen bei der Job- und Wohnungssuche. Dass das in Frankreich nicht der Fall ist, hat Präsident Emmanuel Macron zugegeben und Besserung versprochen. Leere Worte für Franco. Und solange das so sei, werde er weiterhin seine Stimme erheben – und auffallen.

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