Politik

Pandemie Die Auswirkungen auf die armen Länder sind dramatisch / Unklare Datenlage weckt Befürchtungen

Eine Milliarde Menschen von Hunger bedroht

Archivartikel

Mannheim.Motorradtaxifahrer, Haushaltshilfen, Fabrikarbeiter, Tagelöhner auf den Feldern – sie alle sind jetzt arbeitslos. Die Coronavirus-Krise hat die armen Länder der Erde erreicht, Märkte und Schulen haben geschlossen, es gelten Ausgehbeschränkungen und Reiseverbote.

Das trifft besonders diejenigen hart, die schon zuvor in Armut und Unsicherheit gelebt haben. „Die Corona-Krise verschärft die Ungleichheiten, das ist in Deutschland zu beobachten, aber auch weltweit“, sagt Maria Klatte, Abteilungsleiterin Afrika und Naher Osten beim katholischen Hilfswerk Misereor. Von heute auf morgen sind die Einkommensquellen versiegt, und in nur wenigen Entwicklungsländern existieren Sozialprogramme, um die Menschen aufzufangen. Die einzige warme Mahlzeit erhalten viele Kinder in der Schule – hat sie geschlossen, droht der Hunger.

Lebensmittelpreise steigen noch

Erschwerend kommt hinzu, dass Lieferketten für Nahrungsmittel unterbrochen sind. „Saatgut gelangt nicht in ländliche Regionen, umgekehrt erreichen Produkte nicht die städtischen Zentren, damit sich die Menschen dort versorgen können.“ Einige Länder wie Vietnam oder Russland haben zudem den Export von Grundnahrungsmitteln wie Reis oder Weizen eingeschränkt, um für sich selbst Vorräte anzulegen. Die Gefahr explodierender Lebensmittelpreise ist groß.

Schon jetzt warnen Hilfsorganisationen vor Hungerkrisen. Laut Schätzungen könnte die Zahl der Menschen, die abends hungrig zu Bett gehen, von aktuell 820 Millionen auf eine Milliarde steigen. Besonders bedrohlich ist die Situation in Ländern, die schon vor der Corona-Pandemie durch Kriege und Wirtschaftskrisen geschwächt waren. „Im Südsudan, in Afghanistan, Syrien und Simbabwe haben die Regierungen ohnehin wenige Möglichkeiten, ihrer Bevölkerung eine sichere Existenz zu bieten, da wirkt die Corona-Krise wie eine Art Beschleuniger der Probleme“, sagt Simone Pott von der Welthungerhilfe.

Auch Impfprogramme und die Versorgung mit Medikamenten geraten ins Stocken. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) könnte die Zahl der Malariatoten in Subsahara-Afrika in diesem Jahr bis auf 769 000 ansteigen, das wären doppelt so viele wie im Jahr 2018. Der Grund: Moskitonetze können derzeit nicht verteilt werden, außerdem trauen sich viele Menschen nicht mehr aus dem Haus, weil die Polizei zum Teil mit großer Brutalität Ausgehbeschränkungen durchsetzt.

Neben den maroden Gesundheitssystemen, die auf schwer lungenkranke Coronavirus-Patienten kaum vorbereitet sind, lassen sich in den Armenvierteln der Welt schon normale Anforderungen wie Abstandsgebote und Handhygiene schwer umsetzen. „Physische Distanz und Händewaschen als wirksamstes Mittel im Kampf gegen das Coronavirus funktionieren dort so einfach nicht“, so Afrika-Expertin Klatte. Mehr als zwei Milliarden Menschen weltweit haben keinen regelmäßigen Zugang zu sauberem Wasser; vielerorts würden nun an öffentlichen Einrichtungen Wasserspender aufgestellt und werde über Hygienemaßnahmen aufgeklärt. Noch sind die offiziellen Fallzahlen von Corona vor allem in Afrika vergleichsweise gering. „Es wird nicht viel getestet, die Dunkelziffer dürfte also viel höher liegen“, warnt Klatte. Sie fürchtet, dass der Kontinent noch am Anfang der Corona-Krise stehe und die Zahlen weiter steigen werden.

Weniger Helfer vor Ort

Andererseits ist gerade Afrika auf Epidemien vorbereitet; immer wieder wütet das Ebolavirus – das weitaus gefährlicher ist als das Coronavirus –, der letzte große Ausbruch zog sich in Westafrika von 2014 bis 2016 hin. Als nun die neue Seuche ihren Zug um die Welt begann, haben viele Länder schnell reagiert, Flughäfen geschlossen und Reisebeschränkungen ausgesprochen.

Das trifft allerdings auch Hilfsorganisationen. Viele Mitarbeiter sind mit Beginn der Coronakrise, so lange das noch möglich war, in ihre Heimatländer zurückgekehrt. Die Welthungerhilfe beispielsweise hat nur noch knapp über die Hälfte ihrer Helfer vor Ort, zahlreiche Projekte wurden von jetzt auf gleich unterbrochen. Achim Steiner vom UN-Entwicklungsprogramm schreibt in einem Bericht: „Die Pandemie ist eine Gesundheitskrise. Aber sie ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Für weite Teile der Welt wird sie tiefe, tiefe Narben hinterlassen.“

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