Politik

Großbritannien Spannendes Rennen um die Nachfolge der Premierministerin / Am Montag können die Kandidaten nominiert werden

Elf Tories wollen Theresa May beerben

London.Ein knappes Dutzend Konservative – Tories – hat sich für die Nachfolge von Premierministerin Theresa May in Stellung gebracht. Am kommenden Montag können die Kandidaten – neun Männer und zwei Frauen – nominiert werden. In ihrem Erfahrungsschatz und in ihrer Haltung zum Brexit unterscheiden sich die Kandidaten stark. Ein Überblick.

Boris Johnson

Der Brexit-Hardliner Boris Johnson, der auch vor einem ungeregelten EU-Austritt nicht zurückschrecken würde, gilt derzeit als Favorit. Er ist wortgewandt und Liebling der Parteimitglieder, doch in seiner Zeit als Außenminister stapfte er in etliche Fettnäpfchen. Seinen Posten gab er schließlich auf – aus Protest gegen Mays Brexit-Kurs. Viele trauen ihm zu, enttäuschte Brexit-Wähler, die sich von den Konservativen abgewendet haben, wieder zurückzugewinnen.

Jeremy Hunt

Außenminister Jeremy Hunt hat eine Wandlung vom EU-Befürworter zum Brexit-Anhänger durchgemacht. Viele glauben, dass er sich damit schon in Position bringen wollte für die May-Nachfolge. Als Außenminister gelang es ihm, die europäischen Verbündeten mit ähnlich provokativen Stellungnahmen gegen sich aufzubringen wie sein Vorgänger Boris Johnson.

Michael Gove

Umweltminister Michael Gove ist bestens vernetzt, nicht nur im Parlament, sondern auch bei den Mächtigen der Medien. Als er nach einem gescheiterten Versuch, Premierminister zu werden, kurzzeitig auf den hinteren Bänken im Parlament Platz nehmen musste, verdingte er sich nebenberuflich als Journalist. Gove gilt als Protegé des US-Medien-Moguls Rupert Murdoch.

Rory Stewart

Er gilt im Rennen um Mays Nachfolge als äußerst kompetent, bleibt nach Einschätzung britischer Medien allerdings ein Außenseiter: Entwicklungshilfeminister Rory Stewart ist eigentlich ein EU-Anhänger. Er akzeptiert jedoch das Ergebnis des Brexit-Referendums. Einen ungeregelten Austritt aus der EU lehnt Stewart kategorisch ab und will mit Bürgerbeteiligung einen Brexit-Kompromiss ausarbeiten.

Sajid Javid

Der ehrgeizige Innenminister Sajid Javid wechselte nach dem Referendum auf die Seite der Brexit-Befürworter. Als Sohn eines pakistanischstämmigen Busfahrers verkörpert er den Traum vom sozialen Aufstieg in einer stark durch Klassendenken geprägten Gesellschaft. Erfahrungen in der Finanzwelt sammelte er in der Managementebene der Deutschen Bank. In der Debatte um die Rückkehr einer in Großbritannien aufgewachsenen IS-Frau, die mit ihrem Baby in einem Flüchtlingslager in Syrien festsaß, zeigte er Härte und entzog ihr die Staatsbürgerschaft. Als das Kind starb, hagelte es Kritik.

Dominic Raab

Der ehrgeizige Jurist Dominic Raab gilt als Brexit-Hardliner und hatte schon mehrere Posten in der Regierung. Sein Amt als Brexit-Minister gab er nach nur wenigen Monaten aus Protest gegen den Vertragsentwurf zum EU-Austritt auf. Nicht immer machte er als Brexit-Minister eine glückliche Figur: So handelte er sich mit einer Äußerung zum Handel zwischen Großbritannien und dem Kontinent heftigen Spott ein. Ihm sei das volle Ausmaß der Bedeutung des Ärmelkanals für die Wirtschaft nicht klar gewesen, hatte Raab bei einer Konferenz gesagt.

Matt Hancock

Gesundheitsminister Matt Hancock lehnt einen Brexit ohne Deal ab. Ihm werden im Rennen um die Nachfolge von May allerdings wenig Chancen eingeräumt. Er selbst hebt in Interviews seine Energie und Durchsetzungskraft hervor.

Andrea Leadsom

Nach dem Brexit-Referendum und dem Rücktritt von David Cameron 2016 war Andrea Leadsom – neben May – in die engere Auswahl als Parteichefin gekommen. Sie musste sich aber wegen einer unglücklichen Äußerung aus dem Rennen zurückziehen. Später wurde die Brexit-Hardlinerin von Premierministerin May als Ministerin für Parlamentsfragen ins Kabinett geholt. Ende Mai trat Leadsom aus Protest gegen Mays Brexit-Politik von ihrem Posten zurück.

Sam Gyimah

Der frühere Hochschul-Staatssekretär Sam Gyimah setzt sich für ein zweites Brexit-Referendum ein. Er gilt im Kandidatenrennen allerdings als relativ chancenlos.

Esther McVey

Aus Protest gegen Mays Brexit-Kurs legte Arbeitsministerin Esther McVey ihr Amt nieder. Sie besteht darauf, dass Großbritannien am 31. Oktober die EU verlassen muss – und nimmt dafür auch einen ungeregelten Austritt in Kauf.

Mark Harper

Obwohl er ein EU-Freund ist, akzeptiert Mark Harper das Brexit-Referendum. Er selbst sieht sich im Rennen um Mays Nachfolge als Außenseiter. Harper wäre für eine kurze Verlängerung der Austrittsfrist über den 31. Oktober hinaus. Falls das nicht möglich sei, würde er auch einer Loslösung von der EU ohne Deal zustimmen.