Politik

Corona Kritiker und Leugner können den Erfolg der Immunisierung gefährden

„Es besteht eine moralische Impfpflicht“

Archivartikel

Vor 200 Jahren wurden geimpfte Menschen gezeichnet, denen Kuhköpfe aus den Armen wuchsen. „Impfgegnerschaft ist so alt wie die Impfungen selbst“, sagt Wolfram Henn, Humangenetiker und Medizinethiker sowie seit 2016 Mitglied im Deutschen Ethikrat. Eine Risikoabwägung führe aber „ganz klar dahin, dass man mit der Impfung allemal besser fährt als mit der Krankheit“.

Der Ethikrat hatte in der vergangenen Woche zusammen mit der Ständigen Impfkommission, die beim Robert Koch-Institut angesiedelt ist, sowie der Nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina ein Positionspapier vorgelegt, wie der zu Beginn knappe Corona-Impfstoff verteilt werden soll.

Herr Henn, wenn es bald eine Impfung gegen das Coronavirus geben wird, sollen Ältere und Kranke zuerst geimpft werden. Was aber ist, wenn die das gar nicht wollen?

Wolfram Henn: Eine allgemeine Impfpflicht wird es nicht geben, das wäre auch der Akzeptanz nicht zuträglich. Wir müssen also mit Argumenten Menschen davon überzeugen, sich impfen zu lassen.

Was sind das für Argumente?

Henn: Dass die Krankheit um vieles bedrohlicher ist als realistisch denkbare Nebenwirkungen der Impfstoffe. Alle bisherigen Daten der klinischen Studien weisen auf eine sehr gute Verträglichkeit hin. Die Nutzen-Schaden-Abwägung geht deshalb um ein Vielfaches in Richtung „lasst euch impfen“.

Das empfiehlt die EU auch jedes Jahr bei der Grippeimpfung. Tatsächlich befolgt diesen Rat aber nur jeder zweite über 60-Jährige. Ist nicht zu befürchten, dass das Gleiche bei der Corona-Impfung passiert?

Henn: Man muss unterscheiden zwischen Impfnachlässigen, Impfskeptikern und Impfgegnern. Während die Impfgegner in der Minderheit sind, bilden die Impfnachlässigen die größte Gruppe, die die leider nicht zu verharmlosende Influenza nicht ernst genug nimmt. So zynisch das klingen mag: In der jetzigen Pandemie mit der schwerer verlaufenden Covid-19-Erkrankung sehen die Leute, wie groß die Bedrohung durch die Krankheit ist. Das wird die Akzeptanz fördern, aber wir müssen uns auch argumentativ den Gegnern entgegenstellen.

Wird das gelingen?

Henn: Die Lebenserwartung der Menschheit hat sich in den letzten 150 Jahren ungefähr verdoppelt – dank medizinischer Wissenschaft. Der wesentlichste Beitrag dazu waren Impfungen. Jetzt gibt es die Covid-19-Bedrohung, und wir haben es dank medizinischer Wissenschaft innerhalb eines Jahres geschafft, funktionsfähige Impfstoffe herzustellen. Diese Fortschritte dürfen wir uns nicht von Schlagersängern und Kochbuch-Autoren kaputt schlagen lassen.

Woher rührt denn diese generelle Skepsis gegenüber Impfungen, die es ja nicht erst seit der Corona-Krise gibt?

Henn: Impfgegnerschaft ist so alt wie Impfungen selbst. Schon aus den 1810er Jahren kennen wir Karikaturen, wo aus den Armen von geimpften Menschen Kuhköpfe herauswachsen. Ein ideologisch bedingtes „Ohne mich“ wurde schon immer gegen jede Form von Fortschritt angeführt. Ein gewisses emotionales Unwohlsein des Menschen, wenn in seinen aktuell gesunden Körper irgendwelche Fremdsubstanzen eingeführt werden, ist auch verständlich. Aber einer rationalen Überprüfung hält das nicht stand, und jedwede Risikoabwägung führt ganz klar dahin, dass man mit der Impfung allemal besser fährt als mit der Krankheit. Bei Impfungen existiert zudem eine doppelte Verantwortung: nicht nur sich selbst gegenüber, sondern auch anderen gegenüber. Insofern besteht zwar keine rechtliche, aber eine moralische Impfpflicht.

Das dürften die „Querdenker“, die seit Wochen gegen sämtliche Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Krise mobil machen, anders sehen.

Henn: Es ist ja in Ordnung, von einer Sache nichts zu verstehen. Es ist weniger in Ordnung, von einer Sache nichts zu verstehen, aber so zu tun, als hätte man Ahnung. Ganz schlimm ist es, wenn man Meinung statt Ahnung in die Welt hineinbringt und möglicherweise gemeingefährliche Empfehlungen abgibt. Dem müssen wir uns entgegenstellen. Jeder darf in Deutschland Gott sei Dank sagen, was er denkt. Auch wenn er im Denken nicht so besonders gut ist. Das muss unsere Gesellschaft ertragen. Aber wir dürfen gerade in den sozialen Medien die kommunikative Führung nicht Leuten überlassen, die dazu von ihrer Kompetenz her nicht legitimiert sind.

Besonders gefährdet sind Ärzte und Pfleger und die Menschen, die von ihnen behandelt und gepflegt werden. Müssten nicht wenigstens die sich impfen lassen?

Henn: Diese Frage haben wir in unserer Stellungnahme bewusst offen gelassen. Denkbar wäre, eine berufsspezifische Impfpflicht einzuführen. Jemand, der aufgrund seiner freien Berufswahl in der Pflegeeinrichtung oder auf einer Intensivstation arbeitet, hat ein erhöhtes Risiko, selbst infiziert zu werden beziehungsweise als Infizierter andere zu schädigen. Aus meiner Sicht wäre diese selbstgewählte besondere Verantwortung ein hinreichendes Argument dafür, als Arbeitgeber eine Impfpflicht einzufordern. Das ist etwas völlig anderes als eine allgemeine Impfpflicht für die Gesamtbevölkerung.

Könnten in Zukunft Reise- veranstalter oder Fluglinien vor einer Buchung die Vorlage des Impfausweises verlangen?

Henn: Das ist bereits geübte Praxis. Es gibt Länder oder Reiseveranstalter, die Gelbfieberimpfungen verlangen. Wir können schon jetzt sicher sein, dass viele Länder künftig Einreisen nur noch erlauben werden, wenn ein Impfnachweis vorgelegt werden kann. Das ist moralisch nachvollziehbar, ökonomisch sinnvoll und nach meinem rechtlichen Verständnis auch zulässig.

Die Hoffnungen, die auf den Impfstoffen ruhen, sind groß. Vielleicht zu groß, was die damit verbundene Hoffnung auf ein Ende der Pandemie angeht?

Henn: Die Vorstellung „Nadel rein, Maske weg“ wird nicht funktionieren. Zum einen müssen wir damit rechnen, dass die Impfung keinen hundertprozentigen Schutz bietet. Das ist bei anderen Impfungen nicht anders. Zum anderen wird es dauern, bis genug Impfstoff da ist und weite Teile der Bevölkerung geimpft werden können. Die Rückkehr zum Vor-Corona-Leben wird sicherlich noch bis weit ins nächste Jahr hinein dauern, vielleicht sogar bis ins übernächste Jahr.

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