Politik

Interview Die SPD-Politikerin Sawsan Chebli wurde in der Zeitschrift „Tichys Einblick“ sexistisch herabgewürdigt – im Gespräch erklärt sie, wie sie eine strukturelle Veränderung angehen möchte

„Es geht um mehr als nur Einzelpersonen“

Berlin.Über die SPD-Politikerin Sawsan Chebli, Staatssekretärin in der Berliner Senatskanzlei, stand kürzlich in der Zeitschrift „Tichys Einblick“: „Was spricht für Sawsan? . . . Befreundete Journalistinnen haben bislang nur den G-Punkt als Pluspunkt feststellen können.“ Nun äußert sich Sawsan Chebli zu ihren persönlichen Schlussfolgerungen.

Frau Chebli, die sexistische Äußerung hatte Folgen für Roland Tichy. Er räumt den Vorsitz der Ludwig-Erhard- Stiftung. Ist die Sache damit für Sie ausgestanden?

Sawsan Chebli: Nein. Dass er angekündigt hat, nicht noch mal anzutreten, kann nur ein erster Schritt sein. Denn es geht um mehr als nur Einzelpersonen. Hier geht es vor allem um strukturellen Sexismus, um das Fehlen von Frauen in Führungspositionen, in unseren Parlamenten, die mangelhafte Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Ungerechtigkeiten bei Löhnen und Gehältern. Außerdem haben wir mit der AfD eine Partei, die mit ihrer verrohten und offen sexistischen Sprache auch in den Bundestag Einzug gehalten hat. Das ist eine neue Qualität. Sie führt zu einer Normalisierung dieser Sprache und in einigen Fällen – wie der Fall der Komikerin Idil Baydar zeigt – auch zu ganz konkreten Bedrohungen von Frauen, die sich dagegen wehren.

Worauf führen Sie diesen Sexismus zurück?

Chebli: Sexismus ist uralt. Überall, wo patriarchale Strukturen dominant sind, da gibt es ihn. Allerdings trauen sich immer mehr Frauen an die Öffentlichkeit, obwohl man sich damit nicht schmücken kann, anstatt zu schweigen, weil sie keine Spielverderberinnen sein wollen. Ich tue das auch und motiviere damit andere Frauen, es mir gleich zu tun. Klar ist: Nicht jeder, der sich sexistisch äußert, ist tatsächlich ein Sexist. Die wenigsten entscheiden sich bewusst für eine sexistische, abwertende Sprache. Eben deshalb müssen wir über Strukturen reden. Wir müssen weg vom Einzelfall. Und wir müssen auch die Männer mitnehmen.

Wie?

Chebli: In die Diskussionen über Sexismus und patriarchale Strukturen sollten auch Männer vermehrt eingebunden werden. Denn das Bekämpfen patriarchaler Strukturen geht nur gemeinsam. Offen kritische Männer gehören dazu. Manche Männer konnten sich zum Beispiel bis zu dem Text bei Tichy gar nicht vorstellen, dass die sexistischen Angriffe auf mich so heftig sind. Dabei bin ich ständig mit derartigen Angriffen konfrontiert. Die Lage ist ernst. Es kann nicht die alleinige Aufgabe von Frauen sein, Sexismus zu überwinden und für die Gleichstellung von Frau und Mann zu kämpfen. Es braucht eine kritische Reflexion von Männern.

Was könnte diese kritische Reflexion von Männern befördern?

Chebli: Sie einbinden. In die Pflicht nehmen. Stoppschilder setzen, wenn mal wieder ein blöder Spruch kommt, der ja „nicht so gemeint war“. Sie mit ihren sexistischen Sprüchen konfrontieren. Studien und die Konfrontation mit nackten Zahlen sind auch wichtig. Wie die aktuelle Untersuchung der Allbright Stiftung, wonach die Zahl der Frauen in Führungspositionen der Wirtschaft entgegen dem internationalen Trend in Deutschland sinkt. Die Erziehung spielt ebenfalls eine Rolle. Für was interessieren sich Mädchen, für was Jungs? Wie gehen Eltern mit Rollenverteilungen um?

Was ist insgesamt zu tun?

Chebli: Wichtig ist die Auseinandersetzung mit strukturellem Sexismus. Wir brauchen ein Paritätsgesetz. Wir brauchen mehr sichtbare Frauen in Führungspositionen; dazu müssen wir dringend eine Quote durchsetzen. Die CDU blockiert uns hier. Wir müssen Machtstrukturen durchbrechen – nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Kultur. Und wir müssen Sexismus öffentlich machen. Ich weiß, dass das schwer ist. Aber je offener wir Frauen damit umgehen, desto eher können wir was ändern.

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