Politik

Transatlantische Beziehungen Bundesaußenminister Heiko Maas rechnet nicht damit, dass die USA wieder zur Weltpolizei werden

„Europa muss mehr Führung zeigen“

Archivartikel

Berlin.Noch wenige Tage, dann räumt Donald Trump das Weiße Haus. Joe Biden wird als neuer Präsident die Vereinigten Staaten führen. Was das für Deutschland und Europa bedeutet, sagt Außenminister Heiko Maas im Interview mit dieser Redaktion. Der scheidende US-Präsident hat seiner Ansicht nach auch Positives erreicht.

Herr Maas, was hat die Amtszeit von Donald Trump an Positivem gebracht?

Heiko Maas: Bei allen außenpolitischen Meinungsverschiedenheiten fallen mir doch zwei Bereiche ein, in denen Trump etwas Positives bewegt hat. Das ist zum einen in Afghanistan, wo wir erstmals direkte Verhandlungen zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban haben. Diese müssen wir jetzt weiter begleiten mit dem Ziel, das dort Erreichte so gut wie möglich abzusichern. Dazu dürfen wir nicht durch voreilige Festlegungen auf ein Abzugsdatum den Druck herausnehmen. Die andere große Errungenschaft ist sicherlich die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und einigen arabischen Staaten. Wir sind mit manchem an Trumps Nahost-Politik nicht einverstanden, aber nach Jahren des Stillstands ist hier etwas in Bewegung geraten. Diese Chance muss genutzt werden, um auch die drängenden Fragen im Nahost-Friedensprozess anzugehen.

Trotzdem sind Sie froh, dass Trump geht?

Maas: Ich bin froh, wenn im Oval Office nicht mehr Europa in einem Atemzug mit Russland und China zu den größten Feinden der USA gezählt wird. Denn aus unserer Sicht sind und bleiben die USA unser wichtigster Partner außerhalb Europas. Und natürlich sind wir froh, dass Joe Biden die USA wieder ins Pariser Klima-Abkommen, in die Weltgesundheitsorganisation und die Wiener Nuklearvereinbarung mit Iran führen will. Wenn wir globale Probleme von Corona bis Klimawandel lösen wollen, brauchen wir mehr internationale Zusammenarbeit. Hier haben die USA in den letzten Jahren gefehlt.

Wo muss Europa eigenständiger werden?

Maas: Europa muss endlich mehr Führung zeigen in der Welt. Wir haben schon in den letzten Jahren mehr Verantwortung in Bereichen übernommen, aus denen sich die USA zurückgezogen haben, nicht nur militärisch, sondern auch diplomatisch. Eine Führungsrolle haben wir natürlich vor allem in unserer eigenen Nachbarschaft, etwa in Libyen und im Sahel. Diesen Weg wollen wir fortsetzen, auch im Sinne einer fairen transatlantischen Lastenteilung. Wir erwarten nicht, dass die USA wieder in ihre frühere Rolle als Weltpolizist zurückkehren. Aber auch dort, wo Europa Führung übernimmt, werden wir mehr erreichen, wenn wir die USA an Bord haben.

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