Politik

Interview Wissenschaftler Peter R. Neumann warnt vor Ausgrenzung der Muslime / Viele inhaftierte Islamisten kommen demnächst frei

Experte erwartet weitere Anschläge

Archivartikel

Berlin.Der Terrorismusexperte Peter R. Neumann fürchtet nach dem Attentat in Wien, dass die Terrorgefahr in Europa vorerst hoch bleiben wird.

Herr Neumann, in Wien hat es einen Terroranschlag gegeben. Überrascht Sie das?

Peter R. Neumann: Ja und Nein. Es überrascht mich nicht, weil Österreich seit Jahren eine starke und gefährliche dschihadistische Szene hat. Sie ist im Verhältnis zur Einwohnerzahl stärker als die in Deutschland, und sie konzentriert sich in Wien und Graz. Dabei ragen Tschetschenen und Menschen vom Balkan besonders heraus, da sie den österreichischen Behörden als besonders gefährlich und auch als allgemein-kriminell aktiv gelten. Die Behörden haben das allerdings alles sehr früh und systematisch bearbeitet und deshalb lange unter Kontrolle gehabt. Lange Zeit ist nichts passiert.

Existieren Verbindungen nach Deutschland?

Neumann: Der Attentäter war ein sehr eng vernetztes Mitglied der islamistischen Szene über viele Jahre hinweg. Es würde mich nicht überraschen, wenn er auch Bezüge zu deutschen Islamisten gehabt hätte.

Islamistische Attentate häufen sich wieder, in Frankreich, in Deutschland, jetzt in Österreich. Gibt es dabei eine europäische Komponente?

Neumann: Es gibt ganz sicher eine europäische Komponente. Denn die islamistische Szene war nach dem Niedergang des „Islamischen Staates“ demoralisiert und zerstritten. Durch die Konfrontation mit den Ereignissen in Frankreich und dem neuen Streit um die Mohammed-Karikaturen hat sie ein neues Thema, das mobilisiert und nun zu Anschlägen führt. Die verübten Anschläge sollen weitere Anschläge anstoßen. Das bedeutet: Der islamistische Terrorismus ist nicht so gefährlich wie vor fünf Jahren. Aber er ist gefährlicher als vor einem Jahr, weil in der Szene eine neue Grundspannung entsteht. Viele Mitglieder der Szene denken: Jetzt passiert wieder was. Deshalb wird es in den nächsten Monaten überall in Europa gefährlich bleiben.

Wie verhält sich der Islamismus zum Rechtsextremismus?

Neumann: Wissenschaftler sprechen mit Blick auf die aktuelle Lage von einem kumulativen Extremismus. Das gilt auch für Österreich. Rechtsextremisten und Islamisten brauchen und befeuern sich. Darum muss man jetzt der populistischen Versuchung widerstehen zu sagen: Die Muslime sind nicht Teil der Gesellschaft. Der Rechtspopulist Heinz-Christian Strache wird sagen: „Das ist der wahre Islam.” Islamisten werden sagen: „Strache ist das wahre Österreich.” Das ist die Logik der Radikalisierung. Und genau dieser Logik muss man entkommen. Der österreichische Kanzler Sebastian Kurz hat das gerade auf staatsmännische Art und Weise getan. Er hat durch seine Reaktion klar gemacht, dass er für das ganze Land denkt.

Was ist in nächster Zeit zu tun?

Neumann: Die große Gefahr ist derzeit, dass in Europa in den nächsten Monaten hunderte Dschihadisten aus Gefängnissen kommen. Die meisten von ihnen wurden nach 2010 verurteilt, allerdings meistens zu relativ kurzen Strafen. Hunderte von ihnen kommen in nächster Zeit frei, und nicht alle sind deradikalisiert. Auf diese Herausforderung haben sich nur wenige Staaten vorbereitet. Diese strategische Lücke muss rasch geschlossen werden.

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