Politik

Ermittlungen Vor einem Jahr wurde der saudische Journalist ermordet / Elf Männer vor Gericht

Fall immer noch ungeklärt

Istanbul/Berlin.Jeden Morgen, wenn Hatice Cengiz aufwacht, gilt ihr erster Blick ihrem Telefon. Ihr Verlobter, der saudische Journalist Jamal Khashoggi, könnte anrufen, sei ihr erster Gedanke, sagt sie. So wie er es jeden Morgen gemacht hatte, als er noch lebte. Ein Jahr ist es nun her, dass Khashoggi im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul ermordet wurde. Cengiz wartete am 2. Oktober 2018 vor dem Konsulat auf Khashoggi, wo er Dokumente für die Hochzeit abholen wollte. Doch er kam nicht mehr heraus.

Was genau im Konsulat passierte, ist ungeklärt. Sicher ist: Ein saudisches Tötungskommando hat ihn umgebracht. Die Regierung in Riad räumte den Tod nach hohem internationalen Druck schließlich ein und stellte elf Männer vor Gericht– in einem Geheimprozess.

Die türkische Version: Der Mord war geplant, Khashoggi wurde erdrosselt, zerstückelt, die Leichenteile vernichtet. Die Türkei bezieht ihre Informationen unter anderem aus Tonaufnahmen aus dem Konsulat. Präsident Recep Tayyip Erdogan ist sich sicher, der Mordauftrag sei aus „höchster Ebene“ der saudischen Regierung gekommen. International wird der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman als Drahtzieher verdächtigt. Das weist er zurück.

Deutschland stoppte als Reaktion auf den Mordfall Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien. „Wir haben im Mordfall Khashoggi ja in aller Deutlichkeit unsere Position vorgestellt und auch Konsequenzen gezogen“, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes vergangenen Freitag in Berlin. „Es bleibt dabei, wir verlangen eine vollständige und glaubwürdige Aufklärung“, sagte der Sprecher dazu weiter.

Davon kann bislang allerdings kaum die Rede sein. Der Prozess gegen die elf Angeklagten läuft weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Vieles aus der Gerichtsverhandlung, die seit Januar läuft, blieb vage.

Viel spricht dafür, dass einer der Hauptverantwortlichen gar nicht vor Gericht steht: Saud al-Kahtani, lange Zeit einer der engsten Berater Bin Salmans. Er soll der Kopf des Mordkommandos gewesen sein. Ein Bericht der UN-Menschenrechtsexpertin Agnès Callamard sieht in ihm einen der Hauptverdächtigen. Nach dem Mord wurde Al-Kahtani gefeuert. Seit Monaten fehlt von ihm jede Spur. Der UN-Bericht sieht „glaubhafte Hinweise“ auf eine persönliche Verantwortung des Kronprinzen Mohammed bin Salman.

Khashoggis Verlobte Cengiz macht der Bericht Hoffnung. Sie will den Kampf für die Wahrheit nicht aufgeben.

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